Der kreative Geigenopa

Erwin Aschenwald im Interview

Erwin Aschenwald ist das musikalische Aushängeschild und eines der letzten Originale des Zillertales. Ein Poet, Komponist und Multiinstrumentalist, der auf der Bühne singt, Geige und Harmonika spielt. Mit seiner Band „Die Mayrhofner" steht er für einen ganz eigenen Sound in der volkstümlichen Musikszene. Ein Gespräch mit Gedicht und Tiefgang.

L.L.

Erwin, man sagt, dass ein Zillertaler Musik im Blut hat. Warum ist das wohl so?

E.A.

Naja, da gibt es natürlich diese Überlieferung von den Ahnen, von den Ursängern der Zillertaler Nationalsänger. Wir haben die Musik wohl in den Genen vererbt bekommen und dann auch geschäftlich weitergeführt.

L.L.

Du bist ja ein großer Denker und komponierst vieles selbst. Wie und wann fällt dir ein Text oder eine Melodie ein?

E.A.

Ich bin kein großer Denker, auch kein großer Komponist, sondern nur ein „Empfinder". Das rührt daher, dass ich nicht nur mit den Augen schaue, sondern auch mit dem Herzen zu sehen versuche. Mir hat der liebe große Schöpfer gewisse Gaben geschenkt, die ich schon als Kind gespürt habe: mich zu artikulieren und im Mittelpunkt zu stehen! Natürlich habe ich das auch gepflegt und die Tiefe war mir immer ein Bedürfnis. Weil ich am Berg aufgewachsen bin, durfte ich ins Tal schauen – das ist eine Quintessenz, die wahrscheinlich nicht auf einer Universität erlernbar ist.

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L.L.

Deine Musik ist modern und traditionell zugleich. Worin liegt dabei die Schwierigkeit?

E.A.

Es gibt keine! Musik an sich ist nicht modern oder altmodisch, aber es gibt immer wieder Modetrends, die von der Industrie und Medien gemacht werden. Aber „Zillertal, du bist mei Freid" ist weder jung noch alt, sondern genau jetzt und hier.

L.L.

Du machst auch viele Live-Konzerte. Wird man irgendwann ruhiger auf der Bühne?

E.A.

Nein, denn wenn man mit Herzblut spielt, ist das unmöglich! Ich war nie ein kommerzieller Vermarkter wie viele andere Gruppen, die mit einem geschäftlichen Hintergedanken auftreten. Ich denk' mir zwar oft: Wenn ich heute nach 40 Jahren Bühnenpräsenz wieder rausgehe, mach' ich es mir ein bisschen ruhiger. Aber sobald ich draußen stehe, ist alles vorbei, dann kommen die Inbrunst, Aufopferung und Ehrfurcht vor dem Publikum. So wie im Ehebett bei meiner Frau.

L.L.

Gibt es ein Lied, das dir besonders am Herzen liegt oder das du gerne vor großem Publikum spielst?

E.A.

Wenn man älter wird, werden die Empfindungen tiefer. Als Junger springt man so durch die Welt und alles ist in Eile, jetzt schließt sich der Kreis, die Welt ist schnelllebig geworden, keiner hat mehr Zeit. In diesem Moment würde ich vielleicht den „Bergsommertraum" wählen: „Auf'm Berg wird's langsam stad, und der Mond streut seine Glut übern See …" Damit ist alles gesagt. Das schönste Lied ist aber immer das, das man gerade spielt!

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L.L.

Du hast einmal gesagt: „Mi werden's irgendwann von der Bühne tragen müssen." Denkst du heute noch so?

E.A.

Das war so ein Spruch, aber entscheiden wird das jemand anderer! Ich bin ja erst 60 und wenn ich überlege, dass Udo Jürgens gerade 80 geworden ist und ein Heesters noch mit 106 auf die Bühne geführt worden ist … Die Bühne ist einfach meine Welt, schon als Hüterbub stand ich immer gerne im Mittelpunkt. Sollte ich also wirklich auf den Brettern, die mir die Welt bedeuten, umfallen, wäre es das Schönste für mich. Jetzt habe ich aber noch viele Ziele und möchte meine Erfahrungen und Werte an die Jugend weitergeben – dazu gehört es auch, eigene Fehler einzugestehen.

L.L.

Du schreibst auch Gedichte, dürfen wir vielleicht eines hören?

E.A.

Vorausschicken möchte ich, dass mir die Heimat immer wichtig war und ich die Tourismus- und Sängerpioniere, die unser Tal vor 200 Jahren bekannt gemacht haben, sehr schätze. Diese Ader der Tiefe kann ich nicht beschreiben, aber ich habe mich selbst in einem Buch verewigt: „Mit Hooo Ruck um die Welt". Ich war auf allen Kontinenten, habe für den US-Präsidenten gespielt, sämtliche Größen aus Politik und Sport getroffen, dabei aber meine Wurzeln nie verloren. Und hier nun das Gedicht: „Das Leben ist ein Wasserl, es treibt hin zum Meer. Die Quelle der Heimat gibt der Boden nie her. Beinander bleiben, beinander bleiben, nit aussitreibn wie das Herbstlaub im Wind. Der größte Sturm, der legt sich gschwind, wenn wir beinander bleiben, beinander bleiben, beinander bleiben."

L.L.

Dankeschön und Themenwechsel: Du bist auch ein großer Familienmensch, hast fünf Kinder und sechs Enkel. Machen Kinder glücklich?

E.A.

Familie und Gesundheit sind das höchste Gut auf Erden, nicht Erfolg oder Geld! Für das Glück des Lebens ist das Materielle unwichtig, nicht umsonst heißt das größte Wort in der Literatur „Liebe". Ja, Familie, Liebe und Frieden sind das höchste Glück.

L.L.

An welchen Moment als Kind kannst du dich besonders gut erinnern?

E.A.

An eine Mensch-ärgere-dich-nicht-Partie, denn ich war immer ein schwer zähmbarer Bursche und konnte einfach nicht verlieren! Wahrscheinlich wird man ein bisschen eigenartig, wenn man in den Bergen aufwächst und noch dazu eine individualistische Veranlagung hat. Ich hätte wahrscheinlich noch berühmter werden können als die Kastelruther Spatzen und noch mehr Geld verdienen, aber ich habe einfach keine Kompromisse geschlossen und war wohl ein schlechter Geschäftsmann. Dadurch ist aber meine musikalische Bandbreite sehr gewachsen und man kann sagen, dass zwischen „Hooo-Ruck" und dem „Schuster aus Istanbul" Quantensprünge liegen. Diese Vielfalt wurde mir von Gott gegeben und ich darf es nicht anders machen. Also bin ich meinen eigenen, eigenwilligen Weg gegangen nach dem Motto: „Du bist anders als all die anderen." Ich glaub', das ist von Peter Maffay (beginnt zu singen).

Erwin Aschenwald & Elisabeth Thaler
Erwin Aschenwald & Elisabeth Thaler

L.L.

Wie siehst du also die Entwicklung der volkstümlichen Musik im Zillertal?

E.A.

Es gibt leider wenige, die Kreativität und Eigenwilligkeit zeigen. Viele Musikanten haben gar nicht die Zeit, sich Gedanken zu machen, was man wann wo und wie angeht. Sie steigen auf den Zug auf und fahren mit. Und so klingt im Zillertal – was ich offen sagen darf – leider fast alles gleich! Ich möchte mich jetzt nicht hervorheben, aber durch meine Vielseitigkeit und Eigenwilligkeit habe ich eine eigene Note entwickelt. Deswegen bin ich nicht besser, aber ich klinge anders. Ich stehe hinter der Zillertaler Freude zu musizieren, aber weiterentwickelt hat sich nichts und es gab auch noch keinen Zillertaler, der einen Welthit geschrieben hat. Aber dieser Erwin Aschenwald hat Lieder geschrieben, denen die Welt erst Aufmerksamkeit schenken wird, wenn ich einmal nicht mehr bin!

L.L.

Zum Abschluss: Wo ist dein Lieblingsplatzl im Zillertal?

E.A.

In der Stillup, dort hat der Tourismusverband auch das Erwin-Aschenwald-Platzl gewidmet! Generell lassen dich die Orte der Kindheit und Jugend nie ganz los, diese Zeit birgt doch die intensivsten Erlebnisse und ich erinnere mich jetzt immer öfter daran zurück. Als Kind denkt man ja noch nicht, sondern empfindet.

​Erwin Aschenwald's Wordrap:

Heimat

Vater und Mutter

Rampenlicht

Ich

Playback

Hollywood

Fans

Mich mögen viele, ich mag alle.

Lieblingsband

Slavko Avsenik

Erste Geschmackserinnerung

Meisterwurz