Der Concierge von Stuben

Interview mit Rudi Pichler

Rudi Pichler ist ein echtes Stubener Urgestein. Der umtriebige Arlberger ist seit 1984 in seiner Heimatgemeinde als Tourismus­direktor tätig und kennt den kleinen Ort wie kein anderer. Einheimische vertrauen auf sein Wort und täglich besuchen ihn langjährige Stammgäste in seinem Büro. Was „sein“ Stuben so einzigartig macht und wie er die Zukunft der aufstrebenden Gemeinde sieht, verrät er im Gespräch mit LA LOUPE.

L.L.

Sie werden liebevoll der „Concierge von Stuben“ genannt. Wie kommt es zu diesem Spitznamen?

R.P.

Ich war seit dem Jahr 1984 im Hotel Post beschäftigt und übernahm dort den Geschäftsführerposten. Die Rezeption des Hotels fungierte damals gleichzeitig als Sitz des Stubener Touris­musvereines, ehe man 1995 das erste „richtige“ Touris­musbüro errichtete. Aber auch dort fühlte ich mich immer mehr als Gastgeber, denn als Touristiker. Ich habe mir Stuben immer als großes Hotel vorgestellt, in dem es unterschiedliche Bettenarten und Restaurants gibt. Ich bin mit jedem einzelnen Gastgeber im Ort gut bekannt und weiß, wo es auch in Zeiten hoher Auslastung noch das eine oder andere freie Zimmer geben könnte. Früher kam sogar der ein oder andere zu mir und bat mich, die Preisliste für ihn festzulegen. Bis vor einigen Jahren kannte ich auch rund 60 Prozent der Gäste persönlich. Und auch heute noch vergeht kein Tag, wo nicht der eine oder andere langjährige Stuben-Urlauber bei mir hereinschaut.

L.L.

Was macht den besonderen Reiz des 110-Seelen-Dorfes aus?

R.P.

Stuben ist nach wie vor ein Ort mit dörflichem Charakter. Obwohl die Stammtischrunden nach dem Sonntagsgottesdienst leider verschwunden sind, kennt man sich und vertraut sich – oder auch nicht. Und dieses Persönliche und Authentische führt dazu, dass sich der Urlauber bei uns wohl fühlt. Ich denke, unsere Zielgruppe besteht auch in Zukunft aus sportlichen Menschen, die die Natur schätzen, gerne gut essen und trinken, aber nicht den ganz großen Luxus brauchen. Dafür aber eine super Skiausrüstung, die alle Stück’ln spielt. Auch Familien kommen gern hierher, weil die Ersparnis im Vergleich zu den exklusiv­eren Arlberg-Orten doch um die 30 Prozent beträgt. Stuben ist aber sicher kein Platz für „Billiggäste“.

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L.L.

Erläutern Sie uns kurz die Geschichte des Ortes …

R.P.

Eine prominente Stubener Persönlichkeit war „unser“ Hannes Schneider, auf den wir in der Werbung auch heute noch bauen. Es gab zu seiner Zeit keine Pistenpräparierung und man musste den Aufstieg zu Fuß hinter sich bringen. Vielleicht waren und sind die Stubener auch deshalb sehr gute Skifahrer. In den späten 50er Jahren vermietete jeder ein paar Zimmer, es gab nur zwei Hotels. Im Jahr 1981 kam es zum Zusammenschluss unserer Albona-Bahn mit dem Skizirkus rund um St. Anton, Zürs und Lech. Von da an ging es steil bergauf. Heute bietet Stuben eine gesunde Mischung aus Frühstückspensionen, Hotels und Appartements. Der Ort ist im Vergleich zu anderen Wintersportdestinationen sehr langsam gewachsen. Wahrscheinlich macht das die Bodenständigkeit aus, die hier nach wie vor vermittelt wird.

L.L.

Welche Möglichkeiten bietet die Stubener Bergwelt Skifahrern?

R.P.

Die Albona, unser Hausberg, misst 2.400 Meter, Stuben liegt auf 1.400 Metern über dem Meer. Das bedeutet insgesamt 1.000 Höhenmeter baumfreies Skigebiet. Von fast allen unserer Unterkunftsbetriebe sind es fußläufig nur zwei Minuten bis zu den Liften. Die Albona ist besonders der Freeride-Szene ein Begriff. Natürlich kommen bei uns auch Familien auf ihre Kosten, hauptsächlich wird das Angebot aber von guten Skifahrern genutzt. Stuben ist das westliche Tor zum Arlberg. Dadurch freut man sich über jede Menge feinsten Pulverschnee. Die Albona wird am Nordhang befahren. Das bedeutet wenig Sonne bis März und dadurch perfekte Firnpisten im Frühjahr. Das bestätigen die vielen Skilehrer aus Lech und St. Anton, die ihre Kurse im Frühjahr gerne bei uns organisieren.

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L.L.

In Stuben wird stark in neue Infrastrukturen investiert. Nennen Sie uns einige Beispiele?

R.P.

Der Grund für die vielen gleichzeitigen Bauvorhaben liegt sicher in den neuen Liften, die in naher Zukunft gebaut werden. Es wird im nächsten Sommer eine neue Gondelbahn von der Alpe Rauz, welche ja zum Ortsgebiet von Stuben gehört, auf die Albona gebaut. Gleichzeitig wird eine direkte Liftverbindung zwischen Alpe Rauz und Zürs errichtet, wodurch der Transport der Gäste zwischen den Skigebieten von Lech Zürs und St. Anton / Stuben endlich der Vergangenheit angehören wird. In vielen Betrieben im Ort findet derzeit ein Wechsel der Generationen statt. Die jungen Leute trauen sich viel zu und investieren, um am Markt bestehen zu können. Mit den vielen Investitionen, die derzeit in den Ausbau der Infrastruktur gesteckt werden, wird sich auch hier einiges ändern. Aber Veränderungen sind ja nicht negativ. Die Natur begrenzt den Ausbau der Kapazitäten. Wir stehen jetzt bei rund 800 Betten, mehr als 1.000 werden es nicht werden.

L.L.

Haben Sie noch weitere Zukunfts­visionen für Stuben?

R.P.

Das Skifahren muss um Alternativangebote erweitert werden. Dazu plädiere ich unbedingt für die Erneuerung der Albona 1, dem Lift, der von Stuben aus auf ein schönes Hochplateau führt, wo es möglich ist, zeitgemäße Langlaufloipen und Winterwanderwege anzubieten. Derzeit hapert es noch an der Finanzierung. Auch die Saisonverlängerung gilt als absolutes Hauptziel im neu gegründeten Tourismusverband. Wir analysieren gerade, welche Möglichkeiten der Sommer bietet. Ich bin allerdings der Meinung, dass alle Themen, die wir anbieten können, bereits von anderen Regionen in guter Qualität besetzt sind. Aber eine Saisonbelebung im Juli, August und September sollte trotzdem möglich sein. Meine Vision ist weiters ein gemeinsamer Tourismusverband für den ganzen Arlberg mit Gästebetreuungsstellen in jedem Ort.

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L.L.

Wie bewerben Sie Ihren Ort? Gibt es gemeinschaftliche Marktauftritte?

R.P.

Wir sind aktives Mitglied der Arlberg Werbung und fühlen uns auch als kleines Dorf sehr wohl dort. Der Arlberg besteht aus fünf Orten, von denen jeder etwas Besonderes bietet. Wir verkörpern den gemütlichen, authentischen Teil und verstehen uns als bindendes Glied zwischen den „Rivalen“ Lech und St. Anton. Uns wird immer mehr bewusst, dass unsere Chancen in einer intakten Natur liegen. Die Einheimischen gehen seit jeher sehr sorgsam mit dieser wertvollen Ressource um. In Sachen Werbung haben wir vor, unsere Präsenz in den neuen Medien zu erhöhen.

L.L.

Was geben Sie jungen Touristikern mit auf den Weg?

R.P.

Da fällt mir der einfache Satz ein: „Walk in your customers shoes.“ Es geht nicht immer nur um Zahlen, Daten und Fakten. Sowohl in der Gastronomie als auch im Tourismus ist es entscheidend für den Erfolg, dass man erkennt, was der Gast von einem erwartet. Und genau das müssen wir versuchen zu erfüllen.

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​Rudi Pichler im Wordrap

Mein nächstes Urlaubsziel?

Seit fast 20 Jahren: eine kleine Wohnung in Südfrankreich.

​Ich lebe getreu dem Motto …

Leben und leben lassen.

​Stuben ist für mich …

meine Heimat in der Vergangenheit und auch in der Zukunft.

​Eine Leistung, auf die ich stolz bin …

ist, dass es mir immer noch gelungen ist, dass die Stubener zusammen halten und dass wir uns im Ort einig sind.

​Das besondere an meinem Job ist …

dass er jeden Tag anders ist, immer Spaß macht und auch ab und zu Frust mit sich bringt, aus dem man sich selber herausziehen muss.