Das Wunder vom Arlberg

Die Geschichte vom Lawinen-Franz-Josef wurde landesweit zur Legende

In der Kirche von Stuben lenkt ein Gemälde des Wiener Künstlers Adolf Obermüller sofort alle Blicke auf sich. Es zeigt Maria, auf dem Arm das Jesuskind, beide beobachten ein schreckliches Geschehen am Arlberg, an das man sich bis heute erinnert. La Loupe lüftet das Geheimnis um Franz Josef Mathies, den am 21. Dezember 1886 am Flexenpass ein großes Schicksal ereilte. 

Franz Josef Mathies erblickte 1864 in Warth-Täschenberg als ältestes von vierzehn Kindern das Licht der Welt. Seine Leidenschaft galt dem Orgelspiel, das ihn sein Vetter lehrte.

Nach der Schulzeit wurde ihm vom Gasthof Krone in Lech die Führung eines Stellwagens übergeben. Tagtäglich brachte der junge Franz Josef Waren und Sendungen von Langen in den die Orte Warth, Schröcken und Lech umfassenden Bezirk Tannberg.

Am besagten Tag, dem 21. Dezember 1886, war das Wetter ganz besonders stürmisch und unsicher. Doch Franz Josef Mathies fühlte sich verpflichtet, noch rechtzeitig vor den Feiertagen Mehl nach Lech zu transportieren. Also lud er die erste Fuhre auf den Schlitten und spannte sein treues Pferd ein. Als er das Ziel am Flexenpass erreichte, waren etwa fünfzehn Zentimeter Neuschnee gefallen und das Wetter verschlechterte sich zusehends. Schneeflocken wirbelten wie wild durch die Luft, und ein eisiger Wind ließ das Blut in den Adern gefrieren. Um keine Zeit zu verlieren und um auch noch die zweite Ladung Mehl rechtzeitig nach Lech zu liefern, machte sich der junge Vorarlberger trotz aller Widrigkeiten sofort auf den Rückweg.

Im Zügle stieß Franz Josef auf eine Lawine, die ihm den Weg versperrte. Er stellte das Pferd an einem sicheren Ort ab und begann sofort, mutig den Weg freizuschaufeln. Plötzlich hörte er einen dumpfen Knall über seinem Kopf und schon rissen ihn weiße Schneemassen in die Tiefe hinab. Dreißig Stunden harrte der Verunglückte mit einem zweifach gebrochenen Oberschenkel in der Lawine aus, bis er von der Stubner Rettungsmannschaft lebend ausgegraben wurde.

Wie durch ein Wunder erholte sich Franz Josef Mathies nach dem Unglück rasch von den Strapazen und kam wieder vollends zu Kräften. In den kommenden Jahren unterstützte er den Bau der Flexenstraße als Fuhrmann und half durchziehenden Fuhrleuten im kleinen Gasthaus Alpenrose in Zürs an besonders stürmischen Tagen. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte der ledig gebliebene Vorarlberger auf dem Land bei seiner Cousine. Wenige Stunden vor seinem Tod am 18. Januar 1937 sagte Franz Josef: „Jetzt sterbe ich zum zweiten Mal.“ Heute erinnert nicht nur das Gemälde in der Stubner Kirche an das Wunder des Lawinen-Franz-Josef, sondern auch ein Kreuz und eine Erinnerungstafel an der Unfallstelle am Flexenpass.