Wo die Ideen blühen

Interview mit der Architektin Veronika Wagner-Pesendorfer

Von der Metropole Wien ins idyllische Annaberg im niederösterreichischen Mostviertel – eigentlich trennen diese beiden Orte nur rund hundert Kilometer, doch der Kontrast könnte nicht größer sein. Die beiden Architekten Veronika und Johannes Wagner-Pesendorfer verabschiedeten sich bewusst vom hektischen Leben in der Großstadt und zogen mit ihren Kindern auf den traditionsreichen Stadlerhof auf 1.000 Meter Seehöhe, der schon seit Generationen von der Familie Wagner geführt wird. Die Gründe für diese Entscheidung und einen Einblick in ihre zahlreichen Projekte gibt Veronika Wagner-Pesendorfer im Interview mit La Loupe. 

Veronika und Johannes Wagner-Pesendorfer
Veronika und Johannes Wagner-Pesendorfer

L.L. / Sie arbeiteten beide über zwanzig Jahre als erfolgreiche Architekten in Wien – 2004 fiel dann die Entscheidung: Raus aus der Großstadt, rein in die Natur. Was gibt Ihnen die Region um Annaberg, was Ihnen die Metropole nicht geben konnte?

V.W. / Wir wollten, dass unsere Kinder mitten in der Natur aufwachsen. Nach der Schule noch Skifahren und Rodeln gehen zu können und gemeinsam mit den Tieren groß zu werden, ist etwas Besonderes. Der Familienverband am Bauernhof ermöglicht uns, den Architekturberuf neben der Landwirtschaft auszuüben.

L.L. / Nun betreiben Sie gemeinsam den Stadlerhof, einen Bauernhof mit sieben Gästeappartements, der seit Generationen im Besitz der Familie Wagner ist. War das schon immer Ihr großer Traum?

V.W. / Eigentlich nicht (lacht). Es hat sich so ergeben, und wir wollen unser vielseitiges Betätigungsfeld keine Sekunde missen.

L.L. / Sie wohnen im Stadlerhof dort, wo andere Urlaub machen. Wie haben Sie das Gebäude gestaltet? Welche Vision verfolgten Sie?

V.W. / Wir haben die Gästezimmer aus den 70iger Jahren zu großzügigen Ferienwohnungen umgebaut, die wir jahresweise vermieten. Dadurch sind wir in der Zeiteinteilung etwas unabhängiger geworden und haben nette Gäste gewonnen, die ähnlich ticken wie wir.

L.L. / Auch die Anna-Alm trägt Ihre architektonische Handschrift. Obwohl sie für eine Hütte doch relativ modern gestaltet ist, fügt sie sich optimal in die umliegende Natur ein. Auf welche Aspekte haben Sie hier geachtet?

V.W. / Die Verwendung von regionalen Materialien lag uns ganz besonders am Herzen. Wir haben die Hütte aus unserem eigenen Holz gebaut. Auch die Steine, welche vor Ort gesammelt wurden, findet man an verschiedenen Stellen in der Hütte wieder. Darüber hinaus ist uns eine Umsetzung der traditionellen Bauform in moderne Architektursprache wichtig. Damit die Kubatur nicht zu groß in Erscheinung tritt, haben wir die Lounge ins Untergeschoß verlegt, die bedingt durch die Hanglage aber dennoch eine große Verglasung und Terrasse mit Panoramablick aufweist.

L.L. / Etwas abseits der Piste im Skigebiet Annaberg liegt die Stadleralm, die erste Genießeralmhütte Niederösterreichs. Eigentlich wollten Sie das Refugium zunächst privat nutzen, nun kommen auch Gäste in den Genuss der rustikalen Hütte. Auf welchen Komfort dürfen sich Besucher freuen?

V.W. / Die Stadleralm ist ohne kitschige Elemente ganz besonders gemütlich, und das schätzen unsere Gäste. Das Badezimmer und die Toilette sind aus den vor Ort gesammelten Natursteinen gemauert. Das Heizen des Lehmofens mit selbstgehacktem Holz ist eine wunderbare und beliebte Beschäftigung. Vor der Hütte beim Lagerfeuer zu sitzen und die Abendstimmung zu genießen, während die Tiere neugierig zur Hütte kommen, gehört zu den stimmigsten Momenten eines Almaufenthaltes.

Stadleralm ©G. Lux
Stadleralm ©G. Lux
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L.L. / 2015 setzten Sie auch das Naturparkzentrum Ötscher-Basis um und erhielten dafür die Anerkennung Holzbaupreis Niederösterreich 2016. Welche Materialien wurden hier verbaut? Nach welchen Kriterien wurden diese ausgewählt?

V.W. / Auch hier wurde auf Regionalität besonderer Wert gelegt. Nicht nur die Materialien, wie heimische Lärche und Fichte oder Naturstein, wiederum von unserer Alm, wurden verwendet. Auch die Handwerker kamen aus der Region und haben ein Gebäude geschaffen, dessen Grundform vom regional typischen Stadl abgeleitet ist.

L.L. / Sie waren rund um Annaberg für zahlreiche Projekte verantwortlich. Wie lässt sich der Baustil der Region beschreiben? Was braucht es, damit sich Gäste hier wohlfühlen?

V.W. / Unser Bezirk Lilienfeld gilt als der waldreichste in ganz Österreich, somit haben wir uns der Tradition des Holzbaus verschrieben. Im Alpenvorland mit steilen Hängen und kleinen Bewirtschaftungsflächen sind die Gebäude eher kleinteilig, aufgrund der hohen Schneelasten sind Satteldächer vorherrschend. Diese traditionellen Elemente haben wir mit moderner Interpretation geplant, was von unseren Gästen als authentisch wahrgenommen und geschätzt wird.

L.L. / Ihr Mann arbeitet unter der Woche noch in Wien im Architekturbüro. Sie kümmern sich um den Betrieb, die Gäste und auch um die zahlreichen Tiere des Stadlerhofs. Wie schwierig ist es für Sie, alles unter einen Hut zu bekommen?

V.W. / Mein Mann ist mit seinem Team für die großen Projekte in der Stadt zuständig, ich darf mich um die besonderen Aufgaben, meist am Land, annehmen. So kommen wir uns hier nicht in die Quere. Besonders am Wochenende gilt es, die Arbeiten am Hof zu erledigen. Wenn wir einmal nichts tun möchten, müssen wir wegfahren, sonst gelingt uns das nur schwer.

L.L. / Sie sind beide vielbeschäftigte Personen. Welche Pläne stehen sowohl privat als auch beruflich in Zukunft an?

V.W. / Beruflich möchte mein Mann Immobilienprojekte auch im Ausland realisieren und ich mehr Zeit finden für den Garten, die Tiere und unsere große Leidenschaft, das Reisen.

Stadlerhof
Stadlerhof
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Veronika Wagner-Pesendorfer im Wordrap

In Annaberg verbringen wir die Zeit am liebsten mit ... Freunden bei uns am Hof.

Drei Generationen unter einem Dach ... leichter als vier, aber so einfach auch wieder nicht.

Dieser Architekt ist mein Vorbild: Peter Zumthor.

Auf der Stadleralm sollte man unbedingt ... öfter selbst übernachten.

Frittatensuppe oder Apfelstrudel? Beides.

Mit diesem Material arbeite ich besonders gern ... Glas, Stein und eigenes Holz.

An Sommerabenden beim Grillen vorm Haus ... ist mein liebster Ort im Stadlerhof.

Das geben wir unseren Kindern weiter:  Ehrlichkeit, Fleiß und eine gute Ausbildung.

Veronika und Johannes Wagner-Pesendorfer

Veronika und Johannes Wagner-Pesendorfer lernten sich während ihres Studiums an der Technischen Universität Wien kennen und lieben. Nach ihrem Abschluss arbeiteten beide zunächst unabhängig als selbstständige Architekten, später verwirklichten die beiden gemeinsame Projekte in ihrem Architekturbüro pumar. Als Denkmalpflegerin renovierte Veronika Wagner-Pesendorfer bereits Traditionshäuser wie das Looshaus am Michaelerplatz oder den Demel am Kohlmarkt in Wien. Ihr Mann Johannes hat sich hingegen auf Wohn- und Hotelbau spezialisiert. Heute lebt die Familie auf dem Stadlerhof in Annaberg, der seit Generationen im Besitz der Familie Wagner ist.