Küss die Hand, Antoinette!

Interview mit Michael Niederer und Andreas Wessely von der Villa Antoinette am Semmering

Die Tür öffnet sich und die Zeitreise beginnt. Das dunkle Holz, der massive Marmorkamin und schwere Metalldetails ziehen in den Bann und Besucher zurück in die goldenen 20er. Julia und Benjamin Skardarasy frühstücken heute in der bezaubernden Villa Antoinette, die vor über hundert Jahren als Jausenstation Geschichte schrieb. Dank Andreas Wessely und Michael Niederer hat die betagte Dame heutzutage ihre alte Strahlkraft zurückgewonnen. Bei duftendem Kaffee erzählen die beiden Hoteliers den La Loupe-Herausgebern von ihrer Vision, erklären die Anziehungskraft der Region am Semmering und geben Einblicke in ihre Zukunftspläne.

L.L. / Mit der Fertigstellung der Südbahn 1854 wurde die Region am Semmering ein beliebter Ort zur Sommerfrische für die Wiener Bevölkerung. Können Sie sich erklären, warum dieses Fleckchen Erde gerade bei Stadtbewohnern eine so faszinierende Anziehungskraft besaß?

M.N. / Meine Mutter ist aus der Region – genauer gesagt aus Wiener Neustadt – und solange ich denken kann, habe ich immer gehört: „Der Semmering hat etwas Magisches!“ Es gab tolle Geschichten vom Hotel Panhans, von seinem Fünf-Uhr-Tee und den Tanzveranstaltungen. Doch plötzlich war die Region nicht mehr en vogue und hat ihre mondäne Atmosphäre verloren. Der Glanz des Semmerings war in den 1970er Jahren schon vorbei. Fernreisen wurden immer beliebter, und der Mensch hat aufgehört, das zu sehen, was eigentlich direkt vor der Türe liegt. Vieles aus dieser Zeit wurde abgerissen – Dinge, die an die Blüte der Region erinnerten.

Früher fühlte man sich am Semmering wie in Monte Carlo. Hier gab es in den 1920ern Autorennen zwischen Bugatti und Ferrari und den ersten Golfplatz Österreichs. Das hat uns sehr bei der Umsetzung der Villa Antoinette inspiriert. Andi und ich finden es wichtig, dass man die Region nicht modernisiert, sondern das Alte bewahrt und die Eleganz vergangener Zeiten zurückbringt. Damals lautete die oberste Prämisse: Was kann noch schöner gemacht werden? Zweckmäßigkeit war unelegant. Diesen Ansatz verfolgten wir auch bei der Villa Antoinette – alles, was mir nicht gefallen hat, wurde verändert. Aus diesem Grund haben wir auch drei Jahre am Haus gearbeitet, bis wir es eröffnet haben.

Michael Niederer und Andreas Wessely
Michael Niederer und Andreas Wessely
Promotion

L.L. / Die Villa Antoinette war früher eine Jausenstation. Wie haben Sie das Juwel eigentlich entdeckt?

M.N. / Wir kamen vor sechs Jahren zufällig zum Wandern an den Semmering. Andi und ich waren sofort verzaubert von der Region und haben dann dieses Haus hier entdeckt und jegliche Vernunft verloren. Es war sofort klar: Wir kaufen es! Der Makler wurde angerufen, und wir haben es tatsächlich geschafft, als erste Interessenten das Haus zu besichtigen – um 7 Uhr am Morgen. Beim Eintreten wussten wir sofort: Wir unterschreiben! Andi und ich hatten eine Vision, wie es aussehen könnte. Anfänglich hatten wir natürlich mit einigen Herausforderungen zu kämpfen, beispielsweise mit einer Schwerkraftheizung, die eher an eine riesige rote Fliegerbombe erinnerte. Wir entschieden uns dann für einen Umbau, und ich verfolgte auch dort das Ziel, kompromisslos etwas Schönes zu schaffen – und diese Leidenschaft teilt auch Andi.  

In dieser Zeit lernten wir auch unseren heutigen Hotelmanager Edi kennen, ein Quereinsteiger, der wirklich inspiriert und bei den Gästen unfassbar gut ankommt. Er war für uns und das Haus sehr wichtig, mit ihm haben wir jemanden gefunden, der wie wir das Haus und die 1920er Jahre lebt. Hier feiern wir wie damals verrückte Partys, hier kommen die Bentleys, hier findet man auch kein Plastik, sondern nur Glas, Keramik und Metall. 

La Loupe Villa Antoinette Nö 3

L.L. / Der Kurort Semmering war für seine Kaltwasserkuren bekannt. Auch die Villa Antoinette besitzt ein eigenes Badehaus. Eine Anlehnung an die alte Kurtradition?

A.W. / Baden hatte am Semmering immer eine hohe Tradition, vor allem die Kneippkur war sehr bekannt. Davon haben wir uns natürlich stark inspirieren lassen. Das Badehaus ist im Verhältnis zum Haus sehr groß, und wir verfügen über ein Dampfbad, eine Sauna mit Blick auf die Berge, einen Außenwhirlpool und ein Kino, das schon damals in der Villa Antoinette Tradition hatte. Wellness hier ist wahnsinnig vergnüglich – egal zu welcher Jahreszeit, deshalb kennen wir auch keine Saison.

Außerdem bieten wir in unserem Haus zahlreiche Zusatzangebote an: Auf Einladung kommen Masseure, Fitnesstrainer, Yogalehrer und Köche. Diskretion spielt in der Villa Antoinette eine ganz große Rolle, deshalb vermieten wir das ganze Haus fast immer an eine kleine geschlossene Gruppe, die sich dann aber wie zuhause fühlen kann. In keinem anderen Hotel gibt es diese Möglichkeit. So wird der Aufenthalt sehr exklusiv und privat. Aus diesem Grund finden hier auch viele geschäftliche Meetings statt – alles ist top secret. Und der Gast wird rundum verwöhnt, jeder Wunsch von den Augen abgelesen – wir bieten Service, ganz auf den Gast abgestimmt. 

L.L. / Das Südbahnhotel, das Hotel Panhans, das Looshaus und natürlich auch die Villa Antoinette – am Semmering spürt man noch immer den Charme des Fin de Siècle und der Belle Epoque. Haben Sie das Gefühl, dass sich viele Menschen gerade heutzutage nach den alten Zeiten sehnen – zumindest für die Dauer eines Urlaubs?

M.N. / Sind wir mal ehrlich, tief in uns sehnt sich der fühlende Mensch nach einer Zeit wie den 1920ern. Wir sehnen uns nach schwerem Material, bei dem wir das Gefühl haben, es könnte uns überdauern. All das bekommen Gäste in der Villa Antoinette. Sie sehen die vielen Details und spüren, dass wir uns über jeden Zentimeter den Kopf zerbrochen haben. Heutzutage sind viele Hotels auf der Welt austauschbar – ich denke aber auch, dass vermehrt eine Rückbesinnung stattfindet. Viele Menschen möchten heute wieder gemütlich mit einer Decke am prasselnden Kamin sitzen. Sie möchten persönlich angesprochen werden und keine Nummer mehr sein – in dieser Nische arbeiten wir. Dienstleistung ist uns ganz besonders wichtig – und unsere Gäste sind mittlerweile sehr international.

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L.L. / Nachdem der Semmering besonders in den 1920 Jahren eine Blütezeit im Tourismus erlebte, hatte der Kurort in der Vergangenheit mit einigen Problemen zu kämpfen. Heutzutage gibt es jedoch immer mehr Initiativen, um die Region als Ganzjahresdestination zu etablieren und im neuen Glanz erstrahlen zu lassen. Welche Möglichkeiten sehen Sie hier?

A.W. / Ich bin der Ansicht, dass man am Semmering wieder Spitzenhotelerie und –gastronomie etablieren muss. Wir brauchen ein gesamtheitliches Konzept mit Kultur, Musik und Leben. Die Gäste schätzen die Nähe zu Wien und gerade in unserer schnelllebigen Zeit muss man schauen, was vor der Türe liegt. Der Ort muss erkennen, dass wir ihn zu seinen eleganten Wurzeln auf Spitzenniveau zurückführen müssen – dann kommen auch die Spitzengäste. Wir haben das im Kleinen vorgemacht und wir hoffen, dass auch andere das Potenzial erkennen.

Skifahren ist natürlich eine Sache, die Region verfügt aber auch über tolle Alternativen. Ein Angebot auf höchstem Niveau würde sicherlich zahlreiche internationale Gäste anlocken. Dazu müsste man jedoch auch einiges an Geld in den Ort stecken. Das Angebot ist da, man muss es nur umsetzen.

Es gibt wenige Regionen, die so spannend und vielseitig sind wie der Semmering. Nur der Charme von damals muss zurückkehren. Es gibt bereits Initiativen auf verschiedenen Ebenen, die sich darum bemühen – nur leider fehlt oft das Geld. Es bräuchte weitere Leuchtturmprojekte, wie das Looshaus, den Seewirt und die Villa Antoinette, die Urlauber anlocken. Auch die Kultur spielt eine große Rolle: Intendant Florian Krumpöck hat es geschafft, den Kultursommer wieder an den Semmering zu bringen. Das Festival konnte das Südbahnhotel als Venue gewinnen und trumpfte mit einem tollen Programm auf. Generell fehlt jedoch der große Masterplan für die Region.

Auch wir selbst haben weitere spannende Projekte in der Region. Beim Tirolerhof in Kreuzberg verfolgen wir ein ähnliches Konzept wie bei der Villa Antoinette, auch der Name steht schon: Grand Chalet. Es wird dreimal so viele Suiten geben wie in der Villa Antoinette. Außerdem starten wir bald mit dem Hotel Fernblick, einer Hochzeitlocation. Hier werden wir mit Bibi eine wunderbare und erfahrene Hotelmanagerin haben, dafür sind wir sehr dankbar. 

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L.L. / Sie haben es gerade angesprochen: In Kürze beginnt der Umbau Ihres neuesten Projekts, der Pension Fernblick in St. Corona. Welche Vision verfolgen Sie für dieses Haus?

A.W. / Aus dem Hotel Fernblick wollen wir eine glamouröse Hochzeitslocation im Stil der 1960er Jahre machen, die aber in die heutige Zeit geholt wird. Gemeinsam mit unserer Einrichtungsfirma St. Corona Interiors, die dort ihren Firmensitz hat, machen wir daraus ein Hotel für 60 Gäste in Kombination mit einem Shop. Ähnlich wie bei der Villa Antoinette vermieten wir die Location nur an geschlossene Gruppen. Für Feierlichkeiten haben wir innen und außen Platz für bis zu 115 Personen. Es gibt einen 6.000 Quadratmeter großen Park und auch eine Wallfahrtskirche findet man direkt neben dem Fernblick. Die Location wird sehr glamourös sein, aber überhaupt nicht spießig – wir wollen eine Möglichkeit schaffen, entspannt zu heiraten. Im Keller werden wir außerdem eine James Bond-Bar mit Partybereich einrichten. Bei diesem Projekt wollen wir auch herausfinden, ob wir die Wiener wirklich zu uns an den Semmering holen können und davon hängt auch ab, wie wir den Tirolerhof gestalten werden – mit wenigen großen Suiten oder vielen kleinen Zimmern mit Ballbereich. Baustart in St. Corona ist Mitte Oktober, mit der Vermarktung fangen wir dann nächstes Jahr im Spätsommer an. Die Eröffnung wird im Frühjahr 2019 stattfinden.

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Michael Niederer und Andreas Wessely im Wordrap

Wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten, würden wir am liebsten in dieser Epoche leben: 1920er.

Florale Ornamente oder klare Linien? Kommt drauf an.

Dieses Gefühl sollen Gäste der Villa Antoinette mit nach Hause nehmen: „Ich muss umbauen!“

Am Semmering lässt es sich am besten ... träumen.

Kaltwasserkur oder Wärmeanwendung? Kaltwasserkur.

Dieses Möbelstück ist definitiv eine Investition wert: offener Kamin.

Unser ganz persönlicher Lieblingsort im Haus: das Badehaus.

Wenn ich nicht Interior Designer wäre, würde ich jetzt als ... Bühnenbildner ... arbeiten.

Wenn ich nicht als Unternehmensberater arbeiten würde, wäre ich jetzt ... Hotelier, ups.

Michael Niederer und Andreas Wessely

Drei Jahre lang restaurierten Andreas Wessely und Michael Niederer die ehemalige Jausenstation zwischen Semmering und Breitenstein mit viel Liebe zum Detail. Der Unternehmensberater und der Interior Designer erfüllten sich damit den Traum vom eigenen Hotel, das heute stolz den Namen „Villa Antoinette“ trägt. Das Juwel besinnt sich auch im 21. Jahrhundert auf seine Blütezeit in den 1920er Jahren und eignet sich als perfektes Hideaway für geschlossene Gesellschaften. Die beiden in Wien lebenden gebürtigen Salzburger bzw. Tiroler planen bereits weitere Projekte: Das Grand Chalet in Kreuzberg und die Hochzeitslocation Fernblick in St. Corona.