Das Wunder in Weiß

Interview mit Birgit Heinrich vom Lechmuseum

Staubende Abfahrt im Zürser Pulver ©Stadtarchiv Bregenz: Zwischen Arlberg und Bodensee. (o. J.) [Werbebroschüre]. Dornbirn.

Skifahren und Arlberg – das eine ohne das andere? Undenkbar! Vor 120 Jahren sausten die ersten Pioniere die Piste hinab und zogen eine Spur, die bis in die heutige Zeit reicht. Damals wie heute ist das Lebensgefühl „Ski“ tief in der Arlbergregion verwurzelt und nun Thema einer umfangreichen Ausstellung im Huber-Hus in Lech. La Loupe machte sich mit Birgit Heinrich vom Lechmuseum auf Spurensuche.

L.L. / Die Ausstellung „Spuren – Die Ausstellung zur Skikultur“ kommt völlig ohne Ski, Stöcke und Bindungen aus – beim Thema Skikultur doch eher ungewöhnlich. Wie bringen Sie in der Ausstellung das Lebensgefühl „Ski“ nahe?

B.H. / Wer die Ausstellung verlässt, wird merken, dass es die Ski gar nicht braucht, um die Skikultur darzustellen. Denn es geht ja tatsächlich vielmehr um das Lebensgefühl und nicht so sehr um die technischen Details der Ausrüstungsgegenstände. SPUREN erzählt, wie sich der Skilauf zum Kulturphänomen entwickelt und verschiedenste Gesellschafts- und Lebensräume eingenommen hat. Wer sich an der „Hörbar“ in Après-Skilieder vertieft oder in alten Gästebüchern blättert, der wird verstehen, dass es uns vorrangig nicht darum geht, Pionieren zu huldigen, sondern einem Phänomen nachzuspüren, das in den Alltag jedes einzelnen am Arlberg vorgedrungen ist.

Die Zimmermann-Schwestern auf dem Weg zur Trittalm, 1955 ©Sammlung Edith und Heidi Zimmermann, Bregenz
Die Zimmermann-Schwestern auf dem Weg zur Trittalm, 1955 ©Sammlung Edith und Heidi Zimmermann, Bregenz

L.L. / Seit 24. Juni 2018 darf man im Huber-Hus zurück in die Vergangenheit, bis zum Ursprung des Skilaufs am Arlberg reisen. Woher stammt die Idee zur aktuellen Ausstellung?

B.H. / Die Idee zur Ausstellung basiert auf dem Buch „Spuren. Skikultur am Arlberg“, das wiederum im Auftrag des Vereins ski.kultur.arlberg entstanden ist. Der Verein feiert 2018 sein zehnjähriges Jubiläum und so ist es zur Kooperation dieser Ausstellung des Lechmuseums mit dem Verein ski.kultur.arlberg gekommen – aus unserer Sicht eine wunderschöne Sache, das Jubiläumsjahr auf diese Art mit einer Ausstellung zu begehen. Einer der Autoren des Buches, Bernhard Tschofen von der Universität Zürich, ist neben meinen beiden Kolleginnen Monika Gärtner, Sabine Maghörndl und mir auch federführend an der Ausstellungskonzeption beteiligt.

L.L. / Alte Schneebrillen, Talismane und familiäre Erinnerungsfotos – woher stammen die Exponate?

B.H. / Die Liste der Leihgeberinnen und Leihgeber ist lange. Einzelne Ausstellungsstücke stammen aus unserer eigenen Sammlung, der des Lecher Museumsvereins und des Vereins ski.kultur.arlberg. Daneben fungieren, wie üblich, andere Museen wie das Jüdische Museum Hohenems oder das Wintersportmuseum Mürzzuschlag als Leihgeber. Am schwierigsten ist es zumeist, an Objekte aus privater Hand zu gelangen. Sie sind aber eine große Bereicherung, da sie oft mit ganz persönlichen Geschichten verbunden sind und sonst nie öffentlich ausgestellt würden. So zeigen wir im Zuge von SPUREN beispielsweise einen Personenschlitten von Raimund Bischof aus Oberlech, welchen er nun auch als Schenkung dem Museum übergeben hat. Aber auch noch während der gesamten Ausstellungsdauer sind die Besucherinnen und Besucher eingeladen, ihre persönlichen Erinnerungsstücke einzubringen. Gerade auch die Gäste von Lech möchten wir dabei ansprechen.

©Gemeindearchiv Lech
©Gemeindearchiv Lech

L.L. / Im Rahmen der Recherchen begegneten Ihnen sicher zahlreiche Geschichten. Welche ist Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben?

B.H. / Es ist uns in der Ausstellung zwar nicht so sehr um die Hervorhebung einzelner Persönlichkeiten gegangen, aber dennoch ist es die Lebensgeschichte des St. Antoner Tourismuspioniers Rudolf Gomperz, die einen nicht mehr loslässt. Er hat wesentlich zur Bekanntheit des gesamten Arlbergs beigetragen und wurde 1942 im Konzentrationslager ermordet. Aber es sind auch einzelne Ausstellungsstücke, die einen ganz besonders in den Bann ziehen können. Ich bin immer noch fasziniert von einem vollgepackten Koffer. Dieser Koffer eines brasilianischen Gastes aus dem Hotel Edelweiß in Zürs ist in den 1970er Jahren im Kofferdepot des Hotels zurückgeblieben und nie wieder abgeholt worden. Das Öffnen hat sich fast angefühlt wie eine kleine Zeitreise, und es war sehr spannend zu entdecken, was ein Arlberg-Gast vor rund 40 Jahren zum Skifahren mitnahm. Die obligatorischen Seehundfellschuhe waren natürlich auch im Gepäck.

L.L. / Warum ist es wichtig, die Geschichte der Region für die Nachwelt zu bewahren?

B.H. / Wer sich mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt, kann die Gegenwart besser verstehen und beurteilen. Es ist natürlich wichtig, die eigenen Wurzeln zu kennen und zu wissen, wo man herkommt. Die wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung der Geschichte ist auch erforderlich, um nicht Mythen zu erliegen und letztlich zu wissen, was tatsächlich hinter der gerne beworbenen Wiege des alpinen Skilaufs steckt.

L.L. / Skifahren ist mehr als nur Sport, sondern ein Lebensgefühl. Wie würden Sie dieses beschreiben?

B.H. / Die Frage lässt sich am besten mit einem Besuch der Ausstellung SPUREN beantworten. Jede und jeder kann sich bis Ende April 2019 noch persönlich vor Ort ein Bild davon machen, wie wir versucht haben, dieses Lebensgefühl anhand der Ausstellung zu beschreiben. Für die Zeit danach bleibt die Lektüre des Buches.

Skijöring um 1900 ©Sammlung Franz Karl und Thomas Eggler, Bludenz
Skijöring um 1900 ©Sammlung Franz Karl und Thomas Eggler, Bludenz

L.L. / Skifahren und Lech – das gehört einfach zusammen. Was macht für Sie die Strahlkraft von Wintersport am Arlberg aus?

B.H. / Skifahren am Arlberg hat Tradition, nicht nur in dem Sinne, dass man hier schon lange Ski fährt, sondern hier am Arlberg der moderne alpine Skilauf sehr wesentlich geprägt wurde. Und nicht nur das, auch die Kultur des Gastgebens wurde am Arlberg auf sehr hohem Niveau kultiviert, das Après-Ski seit den Anfängen gelebt oder das Skiwissen im „Labor“ am Arlberg weiterentwickelt. Es sind eben die vielen Spuren, die der Skilauf mit all seinen Facetten in Lech hinterlassen hat und immer noch hinterlässt.

Birgit Heinrich ©Lechmuseum
Birgit Heinrich ©Lechmuseum

Infobox: Die Arlberger Skikultur

Seit dem 19. Jahrhundert ist das Skifahren untrennbar mit der Arlbergregion verbunden. In der „Wiege des alpinen Skilaufs“ wurden Ski und Skitechnik erstmalig nicht nur als Fortbewegungsmittel angesehen, sondern als Freizeitaktivität. Dabei ist der Skilauf nicht nur Sport, sondern auch Auslöser eines eigenen Tourismus, der Menschen aus aller Welt in den Bann zieht und aus dem sich ein eigener Lifestyle entwickelt hat. Angefangen von den ersten Skibergsteigern, über legendäre Skischulen, eine eigene Fahrtechnik, bekannte Skifilme bis hin zu mondänem Après-Ski und angesagten Schneebars.

Langsam aber sicher dehnte sich der Begriff „Arlberg“, der früher lediglich Name eines Passes war, auf die gesamte Region aus und wird heute als Synonym für den alpinen Skilauf gebraucht. Ein Skilauf, der auch 120 Jahre später seinesgleichen sucht.


Das Interview mit Robert Strolz von ski.kultur.arlberg finden Sie hier.

Wordrap mit Birgit Heinrich

Das macht mich besonders nostalgisch ...

mein Polster mit originaler, historischer Startnummer der Skischule Lech.

Eisbar oder 5-Uhr-Tee?

Eisbar.

Wenn ich mich nicht im Gemeindearchiv befinde, verbringe ich den Winter am liebsten ...

ganz einfach im Schnee.

Dieser Pionier hat mich besonders beeindruckt:

Rudolf Gomperz.

Das ungewöhnlichste Ausstellungsstück ...

eine silberne Lokomotive.