Das Streben nach Glück

Interview mit Stefan Sagmeister

„This film will not make you happy“, macht Stefan Sagmeister gleich zu Beginn seines Filmdebüts „The Happy Film“ deutlich. Je drei Monate lang testete der renommierte Grafikdesigner aus Vorarlberg mit Sitz in New York verschiedene Möglichkeiten um zufriedener zu werden. Sieben Jahre nach Beginn der Dreharbeiten kam The Happy Film 2017 in die Kinos und wurde sowohl von Kritikern als auch dem Publikum gefeiert. Stefan Sagmeister im La Loupe-Interview über die Gemeinsamkeiten zwischen Film und Design, das persönliche Glück und seine Beziehung zu Lech Zürs.

L.L. / Herr Sagmeister, auf einer Skala von 1 bis 10 – wie glücklich sind Sie gerade?

S.S. / Als ich das letzte Mal täglich Notizen darüber gemacht habe, wie glücklich ich bin, bin ich durchschnittlich auf 7,5 von 10 gekommen. Am Anfang, sechs Jahre davor, lag ich bei 6,8 von 10. Ich würde nicht sagen, dass ich den Schlüssel zum Glück gefunden habe, aber es ist auf jeden Fall eine ordentliche Verbesserung eingetreten. 

Stefan Sagmeister
Stefan Sagmeister
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L.L. / In diesem Jahr veröffentlichten Sie Ihr Filmdebüt The Happy Film. Warum ein ganzer Film über das Glück? Was finden Sie an der Thematik so spannend?

S.S. / Während unseres zweiten Sabbaticals in Indonesien war ich auf der Suche nach etwas Bedeutsamen, das ich entwerfen könnte und The Happy Film hat allen Anforderungen entsprochen: Er zwang mich, einige Forschungen und Experimente in dem Bereich zu betreiben. Ich hatte außerdem die Idee, anderen Menschen damit zu helfen, egal was dabei herauskommt. Es hat mir außerdem die Gelegenheit geboten, mit einem herausfordernden Medium zu arbeiten, nachdem ich ja zuvor noch nie einen Film gedreht hatte. Die meisten Dinge, die ich im Laufe eines Tages mache, verfolgen irgendwie dieses Ziel, wenn auch nicht immer direkt. Und es wirkte wie ein herausfordernder Versuch, das Thema im Film und nicht in einem Printmedium zu bearbeiten. Ein neues Medium auszuprobieren bedeutet für mich auch, dass ich nicht zu selbstzufrieden werde. Am Anfang sollte es ein allgemeiner Film über das Glück sein. Das hat sich schnell als unmöglich herausgestellt, weil das Thema einfach zu groß ist. Daher ist es ein Film über mein eigenes Glück geworden – nachdem ich da ja Experte bin.

L.L. / Sie sind ein renommierter Grafikdesigner, für The Happy Film wagten Sie sich zum ersten Mal vor und hinter die Kamera. War der Wechsel ins Filmbusiness schwierig? Gibt es Parallelen?

S.S. / Oh ja, ich habe die Ähnlichkeiten zwischen Designen und Filmemachen völlig überschätzt, und das hat sich als Wurzel von einigen Schwierigkeiten herausgestellt, hauptsächlich, weil ich nicht wusste, was ich tat. Außerdem hat es sich als unglaublich schwierig herausgestellt, ohne jegliche Einschränkungen zu arbeiten. Ich hatte ganz am Anfang des Projekts ein Skript geschrieben, nur um es dann fast sofort zu verwerfen, da wir dachten, dass ein offener Zugang zu einem interessanteren Film führen würde.

Also hatten wir am Ende keine Deadline, keine Idee von einem Ende und keine klare Struktur. Wenn wir ein neues Design-Projekt beginnen, gibt es normalerweise entweder von Seiten des Kunden oder von uns eine Reihe an Einschränkungen, das Gleiche gilt für jeden Film und jeden Pop-Song. Wenn man total frei ist, kann das dazu führen, dass man am Ende gar nichts hat. Ich wusste das, bevor wir begonnen haben und habe es einfach ignoriert. Daraus sind viele Schwierigkeiten entstanden. 

La Loupe Sagmeister Lech 2

L.L. / Sie testeten je drei Monate drei verschiedene Möglichkeiten um glücklicher zu werden: Meditation in Bali, eine kognitive Verhaltenstherapie in New York und Medikamente/Drogen. Hat am Ende etwas funktioniert? Sind Sie jetzt eigentlich glücklicher?

S.S. / Ja, aber überraschenderweise erst ungefähr acht Monate, nachdem der Film fertig war. Da habe ich die Conclusio unseres wissenschaftlichen Beraters Jonathan Haidt gehört, nämlich, dass Glück von den unzähligen Momenten kommt, die wir während der Dreharbeiten und dem Schnitt erleben: Er denkt, dass wir glücklich sind, wenn wir die Beziehung mit anderen Menschen auf die Reihe kriegen, das beinhaltet entfernte Bekannte und nahe Verwandte – wenn ich die Beziehung zu meiner Arbeit auf die Reihe kriege und die Beziehung zu etwas, das größer ist als ich selbst. Nur dann kann Glück zwischen dem Hier und dem Dort entstehen. Als ich mein momentanes Sabbatical in Mexiko-Stadt begonnen habe, war ich auf der Suche nach einem Hauptthema, an dem ich arbeiten könnte, und es wurde sofort klar, dass es das Thema Schönheit sein muss, da es mich zwingen wird, enge Beziehungen zu vielen Menschen aufzubauen. Es wird mich zwingen, mit vielen neuen und alten Experten zusammenzuarbeiten, mit Künstlern, Designern und Produzenten, und es wird auf jeden Fall größer sein als ich. Die darauffolgenden Monate waren einige der glücklichsten meines Lebens.

L.L. / Sie haben sich lange mit der Thematik des Glücks beschäftigt. Gibt es so etwas wie eine Formel um glücklich zu sein? Oder muss hier wirklich jeder seinen ganz eigenen Weg finden?

S.S. / Am Anfang wollte ich eine Antwort auf die Frage finden, ob es möglich ist, meinen Geist genauso zu trainieren wie meinen Körper. Kann ich – mithilfe verschiedener Techniken wie beispielsweise Meditation, kognitiver Therapie oder mit Medikamenten – meinen allgemeinen Glückszustand verbessern? Es hat sich herausgestellt, dass diese grundlegenden Strategien nur begrenzt effektiv sind. Es geht vielmehr darum, eine Umwelt zu schaffen, die meine Beziehungen berührt, meine Arbeit, und etwas das größer ist als ich, um das Glück dazwischen entstehen zu lassen. An dem Film zu arbeiten hat es mir erlaubt, das große Ganze zu sehen – und zwar so richtig und häufiger.

L.L. / Sie kommen ursprünglich aus Vorarlberg, leben und arbeiten aber schon seit über 25 Jahren in New York. Gibt es etwas, was Sie an Ihrer Heimat vermissen?

S.S. / Ich vermisse meine Geschwister, aber ich bin grundsätzlich nicht jemand, der viel vermisst. Wenn ich in Vorarlberg bin, genieße ich Kässpätzle und Flädlesuppa, aber, wenn ich in New York bin, denke ich nicht viel daran, ich genieße die Dinge, die da sind.

Jessica Walsh und Stefan Sagmeister
Jessica Walsh und Stefan Sagmeister
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L.L. / Ihre Familie ist immer noch in Vorarlberg zuhause. Ihr Bruder betreibt das bekannte Modehaus Sagmeister, das auch Filialen in Lech hat. Sind Sie eigentlich modeaffin? Oder interessiert Sie Fashiondesign eher weniger?

S.S. / In meiner Jugend hatte ich überhaupt nichts übrig für Mode: Das war die typische Rebellion gegen meine Eltern und die Tatsache, dass sie immer wollten, dass wir gut angezogen sind. Heute macht mir Männermode Spaß, und ich bin ein recht häufiger Kunde im Geschäft meines Bruders.

L.L. / Wenn Sie zu Besuch in Lech Zürs sind, was macht Sie hier besonders glücklich?

S.S. / Skifahren, natürlich. Ich bin normalerweise nicht der Typ, der auf Tempo abfährt, ich habe keine besondere Freude daran, schnell Auto oder Motorrad zu fahren, aber beim Skifahren falle ich leicht in den Rausch.

L.L. / Lech Zürs ist Schauplatz zahlreicher Happenings aus Kunst und Kultur: Antony Gormleys Horizon Field, das Philosophicum, der Grüne Ring und nun ganz aktuell James Turrells Skyspace. Was halten Sie von der Kunst- und Kulturinszenierung in Lech Zürs und allgemein in den Bergen?  

S.S. / Ich denke, dass Natur und Kunst extrem gut zusammenpassen, und ich freue mich sehr auf die Eröffnung von James Turrells Skyspace diesen Winter. Wir werden viel zu Besuch kommen!

„Beim Skifahren falle ich leicht in den Rausch.“

L.L. / Zum Schluss: Welche Projekte stehen in naher Zukunft bei Ihnen an?

S.S. / Wir werden an einem Projekt über Schönheit arbeiten. Die meisten Designberufe, sei es Architektur, Produktdesign oder digitales Design, nehmen Schönheit nicht sehr ernst. Viele, die diese Berufe ausüben, erachten sie als überflüssig und konzentrieren sich lieber auf Funktion. Ich bin der festen Überzeugung, dass das Streben nach Funktionalität alleine oft zu Ergebnissen führt, die überhaupt nicht funktionieren, wie zum Beispiel die Projekte des sozialen Wohnbaus aus den fünfziger und sechziger Jahren: Damals war es das Ziel, so viele Menschen so effizient wie möglich unterzubringen und das Ergebnis waren Projekte, die von Menschen nicht bewohnbar sind – sie mussten zwanzig Jahre später wieder abgerissen werden.

La Loupe Sagmeister Lech 13

Wordrap mit Stefan Sagmeister

Als Kind wollte ich ... Priester ... werden.

Mein Gestaltungsstil in drei Worten: menschlich, emotional und berührend.

Macht Erfolg glücklich? Traurigerweise nur vorübergehend.

Jungen Designern rate ich ... hart zu arbeiten.

Mein Vorbild: Meine Schwester Christine. Sie ist stark und gütig.

Form follows Function? Nein, tut sie nicht. Damit ein Projekt gut ist, muss Schönheit eine Rolle spielen – als Ziel.

Mein liebstes Cover: The Rolling Stones, Sticky Fingers.


Stefan Sagmeister

Stefan Sagmeister wurde 1962 in Bregenz geboren und studierte Grafik und Design in Wien und New York. 1993 gründete er mit Sagmeister Inc. seine erste eigene Agentur in New York, wo er für seine CD-Cover-Designs von Lou Reed, Rolling Stones und Aerosmith weltweit Bekanntheit erlangte. Heute zählen zu seinen Kunden das Guggenheim Museum, TAIGA und Time Warner. Stefan Sagmeister wurde sechsmal für den Grammy nominiert und erhielt ihn zweimal. Seit Juni 2012 führt er seine Agentur gemeinsam mit Designerin Jessica Walsh unter dem Namen Sagmeister & Walsh. Momentan arbeitet der Grafikdesigner an einem Projekt zum Thema Schönheit. 

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