Das Gespür für die Details

Interview mit Katia und Gerold Schneider vom Almhof Schneider

Mit ihrem Sinn für Stil, Formen und Materialen prägten Katia und Gerold Schneider das Lecher Ortsbild nachhaltig mit. Die Kulturinitiative „allmeinde commongrounds“, die Skihütte Schneggarei und ihr neu umgebauter Almhof sind ganz besondere Schmuckstücke, die es näher zu betrachten lohnt. Abgerundet wird die schöne Optik durch die Herzlichkeit der beiden Hoteliers und Architekten – ihr oberstes Ziel ist es, den Almhof nicht nur zum Urlaubsort, sondern auch zum Zuhause ihrer Gäste zu machen. Im Interview gibt das Paar Einblicke in den neuen Almhof, spricht über das Rohe in der Architektur und das Leben als Kinderstar.

L.L. / Frau Schneider, Sie wurden in Beirut geboren, lebten in Wien, Rom, Paris und nun in Lech. Was bedeutet Heimat für Sie?

K.S. / Das ist eine Frage, die ich mir oft selbst stelle. Obwohl ich lange eine Nomadin war, sah ich auch das Glück darin, heimatlos und frei zu sein. Heimat ist für mich in erster Linie meine Beziehung zu Gerold, mit ihm kann jeder Ort zur Heimat werden. In Lech Zürs fühle ich mich zuhause, es ist aber nicht meine Heimat. Und auch Wien, von wo meine Familie stammt, würde ich nicht als meine Heimat bezeichnen. Ich hatte als Kind mehrere Bezugsplätze und verspüre deshalb sicher auch eine gewisse Leichtigkeit und Freiheit – so kenne ich beispielsweise die Angst nicht, eine Heimat zu verlieren. 

Katia und Gerold Schneider
Katia und Gerold Schneider
Promotion

L.L. / Ihr Vater arbeitete für die Vereinten Nationen, deshalb wuchsen Sie zunächst in Beirut auf, wo Sie auch eine französische Schule besuchten. Als Sie acht Jahre alt waren, wurde Ihre Familie evakuiert. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren Geburtsort?

K.S. / Die allerschönsten! Beirut war ein ganz wichtiger Grundstein für meine Entwicklung. Ich hatte eine wunderbare Kindheit dort und zehre immer noch von den vielen schönen Erlebnissen – Licht, Sonne, Freiheit, Zeit und Platz. Obwohl ich bereits mit achteinhalb Jahren diesen Ort verlassen musste, habe ich ganz starke Erinnerungen daran.

Wir mussten dann ganz plötzlich über Nacht Beirut verlassen und kamen in Wien an. Ein Ort, der in meiner Erinnerung vor allem dunkel war und in dem die Bevölkerung alt und grantig schien. Es war kalt und die Zeit knapp. Für mich war das wirklich eine große Veränderung. Aufgrund von anhaltenden Unruhen war ich seitdem auch nicht mehr im Libanon, eine Reise dorthin steht jedoch definitiv auf dem Plan.

L.L. / Sie studierten sowohl in Wien als auch in Paris Architektur. Inwiefern haben diese beiden Städte Ihre Arbeit als Architektin beeinflusst?

K.S. / Eigentlich nicht wirklich – zumindest architektonisch. Vielmehr hat mich das Urbane fasziniert. 

L.L. / Heute führen Sie gemeinsam mit Ihrem Mann Gerold den Almhof Schneider in Lech und arbeiten außerdem als Architekten. Neben dem neu umgebauten Almhof, der Schneggarei und der allmeinde commongrounds sind Sie beide außerdem mitverantwortlich für die prägende Architektur in Lech. Was zeichnet Ihren Stil aus?

K.S. / Ich weiß nicht, ob wir einen Stil gefunden haben, der uns wirklich auszeichnet. Mit allen drei Projekten haben wir ganz unterschiedliche Bauwerke geschaffen, die sich sehr auf den Kontext beziehen. Natürlich gibt es aber gewisse Konstanten, die uns wichtig sind – der Bezug zum Ort und Materialgerechtigkeit beispielsweise.

G.S. / Ich mag diesen Begriff nicht sonderlich. Er bedeutet oft Austauschbarkeit oder Eigen-Branding. Wir haben auf beides verzichtet, uns eher bemüht, nicht modisch zu werden, sondern sehr persönliche Antworten zu geben auf Bauaufgaben, für die es nicht immer fertige Antworten gab.

allmeinde commongrounds
allmeinde commongrounds

L.L. / Der Almhof Schneider wurde in den letzten Jahren umgebaut und erweitert. Was hat sich verändert?

K.S. / Als wir angefangen haben, den Almhof umzubauen, ging es nicht darum, uns zu verwirklichen. Wir sahen es als unsere Aufgabe, das Hotel ganz behutsam, aber sehr konsequent zu erneuern. Natürlich verändert sich dort immer wieder etwas und auch wir selbst entwickeln uns stetig weiter – gerade durch das Reisen. Es hat sich zwar viel verändert, und doch auch nicht.

G.S. / Im Grunde muss man zwei Phasen unterscheiden: Die eine, in der es möglich war, nach und nach einzelne Räume umzubauen. Dann, nach einer langjährigen Arbeit an einem „Masterplan“, der große Um- und Neubau von 2015/16, der das Haus buchstäblich auf ein neues Fundament gestellt hat.

Mit den letzten zwei großen Bauphasen wuchs die Arbeit aus über 20 Jahren wieder zusammen - alles arbeitet jetzt aus dem gleichen Geist heraus. Vor allem versteht man nun auch die zeitliche Abfolge der Umbauten - warum manches warten musste, obwohl wir es gerne früher gemacht hätten. Es wird jetzt noch einen letzten großen Umbau geben, der auf die kommenden drei Sommer aufgeteilt sein wird: eine Erweiterung um einige Zimmer und Suiten und eine vollständige thermische Gebäudesanierung. Am Ende wird der Almhof dann auch von außen zeigen, was im Inneren innerhalb eines Vierteljahrhunderts passiert ist. Dann ist der Almhof in unserer Generation angekommen und wird erstmal von keinen größeren Baumaßnahmen betroffen sein.

L.L. / Neben ausgezeichnetem Essen und hervorragendem Service tragen in der modernen Gastronomie noch viele weitere Dinge zum Gesamterlebnis bei. Welche Auswirkungen hat die besondere Architektur im Almhof Schneider auf den Gast?

K.S. / Viele Gäste sehen die Details – und noch mehr spüren sie. Wir sind sehr bedacht auf ehrliche Architektur, also auf eine hohe Qualität bei der Ausführung der Materialien. Und ich bin mir sicher, man fühlt sofort, dass im Almhof Schneider mit sehr edlen, natürlichen Stoffen, besonderen Details und einem Fokus auf das Licht gearbeitet wurde. Und obwohl wir urbane Einflüsse haben, spürt man dennoch die österreichische Kultur. Es geht nicht darum, einfach einen schönen Raum zu entwerfen, sondern darum, einen Raum zu gestalten, der funktioniert und der von den Gästen angenommen wird.

Wir haben sehr viele Stammgäste, die Angst hatten, dass wir ihnen durch den Umbau die Erinnerungen an den Almhof nehmen. Trotz aller Erneuerungen haben wir aber sehr positives Feedback erhalten. Wir haben oft gehört, dass sie das Gefühl haben, als wäre das Hotel trotz aller Veränderungen gleich geblieben. 

L.L. / Bei der Skihütte Schneggarei ist alles aus einem Holz geschnitzt – aus dem der Weißtanne – auch auf Beschläge und Dichtungen wurde weitgehend verzichtet. Das Design setzt sich daher stark von den sonst üblichen Skihütten in der Region ab.

K.S. / Bei der Schneggarei ging es um die Frage, wie man Rustikalität erzeugt, ohne in die bekannten Klischees abzugleiten. Dazu haben wir bewusst Holz so verwendet, dass seine natürliche Unregelmäßigkeit erhalten bleibt. Bretter und Balken, deren Baumkante sichtbar bleibt. Das Grobe, Unregelmäßige hat einen starken Bezug zum Land und es hat viel mit der Natürlichkeit des Materials zu tun – jedes Stück ist in sich strukturiert einzigartig.

G.S. / Das Grobe des Materials trifft auf das Feine der Verarbeitung – ein schöner Kontrast.

L.L. / Mit dem Begegnungsort allmeinde commongrounds haben Sie um die Jahrtausendwende eine Lecher Kulturinitiative ins Leben gerufen. Wie wichtig ist Ihnen Kunst und Kultur hier in der Region?

K.S. / Die Grundidee der allmeinde ist Gerolds Baby. Kunst und Kultur ist uns beiden aber sehr wichtig, egal ob beim Reisen oder in Lech. Kunst und Kultur, das sind einfach wir. Auch während des Studiums hat uns das Thema immer beeinflusst und als Gastronomen und Hoteliers tut es das immer noch. Auch viele Gäste empfinden Kunst und Kultur als sehr wichtig am Arlberg – wir können aber natürlich nicht jeden damit erreichen. Alle Projekte in der allmeinde haben aber wunderbare Begegnungen und Beziehungen zur Folge – egal ob mit Künstlern oder Gästen.

G.S. / Ich sehe Kunst als einen kleinen, aber äußerst wichtigen Teil der Kultur, der uns fordert, uns die Augen öffnet, unser Leben enorm bereichert. Wichtig ist uns, dass man sie in Beziehung setzt zu dem, was da ist. Es geht uns auch hier um Austausch, gegenseitige Befruchtung, nicht um Mode oder Konsum.

Schneggarei
Schneggarei
Promotion

L.L. / Gemeinsam leiten Sie nicht nur den Almhof Schneider, sondern teilen auch die Leidenschaft zur Architektur. Sind Sie eigentlich oft einer Meinung?

K.S. / Ja, das sind wir schon.

L.L. / Sie sind beide sehr visuelle Menschen. Kann man das Gespür für das Schöne lernen oder hat man das einfach?

K.S. / Ich glaube, man kann sehr viel lernen. Reisen und Begegnungen inspirieren und führen auch dazu, Unterschiede wahrzunehmen. Ich habe im Almhof sehr viel durch meine Schwiegermutter gelernt, denn hier ist man permanent umgeben von schönen, hochwertigen Dingen. Besonders Menschen bringen einem das Schöne näher, deshalb bin ich schon der Ansicht, dass man das Gespür dafür lernen kann. 

L.L. / Frau Schneider, was viele wohl noch nicht über Sie wussten: Als Zehnjährige spielten Sie die Titelrolle in der TV-Serie Heidi, die 1978 ein großer Erfolg war. Wie haben Sie sich damals als Kinderstar gefühlt und wie gehen Sie heute damit um?

K.S. / Das Drehen war eine wunderbare Erfahrung – aber in der Zeit ist so viel passiert, dass es oft auch eine Belastung war. Im Rückblick ist es aber eine lustige Anekdote und der Job hat mir natürlich auch sehr viel ermöglicht, beispielsweise eine finanzielle Unabhängigkeit während des Studiums. Es bleiben viele schöne Erinnerungen und natürlich schmeichelt es mir. Es war eine schöne Zeit.

L.L. / Interessieren Sie sich heute noch für die Schauspielerei? Haben Sie je daran gedacht, ins Filmbusiness zurückzukehren?

K.S. / Beim Film zu arbeiten hat mich danach eigentlich nicht mehr interessiert, die Schauspielerei am Theater finde ich aber nach wie vor faszinierend. Wenn ich nach Heidi drangeblieben wäre, hätte mich der Weg vielleicht wirklich auf die Bühne gebracht. Da ich aber nach dem großen Erfolg mit der Schauspielerei aufgehört habe, ist eine Rückkehr nicht mehr in Frage gekommen.

Schneggarei
Schneggarei

Wordrap mit Katia Schneider

Dieser Architekt ist mein großes Vorbild: Peter Zumthor.

Lech ist für mich ... wunderbar, ein Glück.

Mit diesem Material arbeite ich am liebsten: Lebensmittel.

Heidi – Fluch oder Segen? Segen!

Katia und Gerold Schneider

Katia Schneider (geb. Polletin) wurde in Beirut geboren und wuchs bis 1975 dort auf, bevor sie nach Österreich zurückkehrte. 1976/77 war sie das Gesicht der Heidi in der gleichnamigen Fernsehserie, die damals große Beliebtheit erlangte. Sie studierte Architektur in Wien und Paris, Gerold Schneider widmete sich der Philosophie, Kunstgeschichte, Architekturtheorie und des Städtebaus an der Universität Wien und an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Heute leiten sie gemeinsam den Almhof Schneider in Lech und gründeten 2006 außerdem das Veranstaltungszentrum allmeinde commongrounds.