Die Streif: zwischen Wahnsinn und Wankelmut

Der Mythos Hahnenkamm

©KSC/HKR

„Richtig Angst hatte ich eigentlich nur einmal in meiner Karriere“, erklärt das ehemalige Schweizer Skiass Didier Cuche, „das war, als ich zum ersten Mal am Start des Hahnenkammrennens stand.“ Kurz bevor das Startsignal ertönt und sich die Schranke öffnet, schnellt der Puls nach oben. 

Es gibt kein Zurück mehr. In weniger als vier Sekunden von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde, dazu Sprünge von bis zu 80 Metern und Belastungen von über 3 g. Die Streif ist nicht nur extrem steil und schnell, sie ist legendär.... und gehört damit zu den schwersten Abfahrten der Welt. Doch wer die 3,312 Kilometer bergab überwindet und heil im Ziel ankommt, wird als Held gefeiert. 2020 feiert das Hahnenkammrennen sein 80-jähriges Jubiläum, ein guter Grund sich auf Spurensuche im glitzernden Schnee zu machen.

„Es gibt keinen Startraum, wo so eine Stille herrscht wie auf der Streif. Da ist eine ganz besondere Atmosphäre“,
so OK-Chef Michael Huber. Der Herzschlag bebt. Auf 1.665 Metern Seehöhe stürzen sich die Rennläufer den steilen Starthang in die Tiefe und dann mit einem bis zu 80 Meter langen Sprung direkt in die Mausefalle, die den Athleten mit einem Gefälle von 85 Prozent alles abverlangt. Den Namen soll Anton Sailer, Vater der Skilegende Toni Sailer geprägt haben, den die herabstürzenden Wintersportler an Mäuse erinnerten, die in eine alte Drahtmausefalle tappen. 

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Vom Werbelauf zur schwierigsten Abfahrt der Welt

1931 wurde das erste Internationale Hahnenkammrennen noch als Werberennen im März durchgeführt um zu beweisen, dass die Abfahrt auch im Frühling noch gut befahrbar war. Schon damals erfreute sich das Rennen großer Beliebtheit und die ersten Wettläufer reisten nach Kitzbühel. „Bei herrlichstem Firnschnee und prächtigem Wetter sausten die Läufer zu Tal, die gefahrenen Zeiten sind als hervorragend zu bezeichnen“, berichteten die Innsbrucker Nachrichten 1931.1937 feierte dann der Kitzbüheler Thaddäus Schwabl den ersten Sieg auf der „klassischen“ Streif – auch wenn sich die Strecke zu dieser Zeit noch deutlich vom jetzigen Verlauf unterschied und mit möglichst wenig Toren auskam. Erst 1950 begann man die Rennen zu zählen, damals wurde bereits die 12. Hahnenkammabfahrt veranstaltet – wie man jedoch auf diese Zahl kam, kann heute nicht mehr nachvollzogen werden.

Raus aus der Mausefalle, rein ins Karussell! Hier werden Läufer mit Fliehkräften von 3,1 g konfrontiert, bevor der nachfolgende Steilhang als einer der technisch anspruchsvollsten Abschnitte der Streif überwunden werden muss. Mit hoher Geschwindigkeit dann hinein in den Brückenschuss und das Gschöss: Hier sind ein schneller Ski und gute Kondition ausschlaggebend. Danach folgt ein kleiner Sprung in die schräg hängende Alte Schneise. Genau zur Mitte der Rennstrecke wartet seit 1994 der Seidlalmsprung. Hier fliegt der Rennläufer ins Ungewisse, denn im Sprung muss nach rechts gedreht werden, um die Einfahrt zur Seidlalmkurve zu erwischen.

©Erich Spiess/ASP/Red Bull Content Pool
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In den 1950er und 1960er Jahren machten einige Kitzbüheler Skilegenden von sich reden, darunter Ernst Hinterseer, Hias Leitner, Anderl Molterer, Fritz Huber, Christian Pravda und natürlich Toni Sailer. Sie galten als das Ski-Wunderteam der Gamsstadt und holten insgesamt 27 Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Skiass Toni Sailer gewann Mitte der 1950er Jahre nicht nur zweimal die Abfahrt auf der Streif, sondern auch den Slalom, die Kombination und den Super-G. Der „Schwarze Blitz aus Kitz“ wird zum ersten Medienstar, der durch seine Skierfolge weltweite Berühmtheit erlangte. Bereits mit 22 Jahren beendete er seine Skikarriere und widmete sich bis zu seinem Tod 2009 der Schauspielerei und Musik. Die Premiummarke „Toni Sailer“ versprüht mit ihrer hochwertigen Skibekleidung auch heute noch die Nostalgie der gleichnamigen Skilegende aus Kitzbühel. 

Nachdem die Seidlalm-kurve mit einem fast 90-Grad-Turn überwunden wurde, erreichen die Läufer nach dem Lärchenschuss ein anspruchsvolles „S“. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren! Über die Hausbergkante springen die Sportler dann in eine Kompression, von der sie mit einem energiegeladenen Linksschwung in die Hausberg Traverse bzw. Querfahrt lenken. Hier wird die Abfahrt unruhiger, wichtig ist es, die Ideallinie zu halten – bei einem rasanten Tempo von 100 bis 110 Kilometern pro Stunde. 

„Es fühlt sich an wie in einem Starfighter.“

Kein anderes Skisport-Event zieht Fans und Sportler gleichermaßen in den Bann. Arnold Schwarzenegger, Niki Lauda und Bernie Ecclestone – sie alle kamen bereits nach Kitzbühel, um die waghalsigen Streifabfahrten als Zuschauer zu erleben. Und mit ihnen feiern jährlich zwischen 40.000 und 50.000 Zuschauer am Zielhang und im Zielstadion die Gewinner des Rennens. Über 45 TV- und 30 Radio Stationen sind vor Ort und übertragen das Event live in die Wohnzimmer von über 262 Millionen Zuschauern.

Es ist so weit: Das Grande Finale! Die Kompression vor dem Zielsprung drückt die Rennläufer fest auf die Piste. Hier werden mit bis zu 150 Kilometern pro Stunde die höchsten Geschwindigkeiten erreicht. Jetzt nur noch in die Hocke und schon fliegen die Läufer ins Ziel. Tosender Applaus erfüllt das Zielgelände.

©Erich Spiess ASP / Red Bull Content Pool
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„Es fühlt sich an wie in einem Starfighter, nur eben ohne Starfighter“, so der amerikanische Skirennläufer Bode Miller über das Rennen. Auch wenn die Streif mit ihren scharfen Geländekanten, anspruchsvollen Steilhängen und Bodenwellen für viele Skirennläufer zum absoluten Highlight der Karriere gehört, ist die Abfahrt dennoch ein Spiel mit dem Feuer. Im Schnitt erreichen 10 bis 15 Prozent der Starter nicht das Ziel. Stürze auf der vereisten Piste bedeuten manchmal nicht nur das Ende der Saison, sondern können sogar zum Karriereende führen. Doch, wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und ist es nicht auch die Gefahr, die den Reiz und Mythos der Streif ausmacht? 

Auch der Schweizer Didier Cuche stürzte sich trotz Angst hinunter in die Tiefe und gewann den Abfahrtsweltcup. Und das nicht nur einmal, sondern ganze fünfmal. Ein Rekord, der bis heute nicht gebrochen wurde.  

Die Streif in Zahlen:

Maximale Neigung: 85 Prozent

Weitester Sprung: 80 Meter

Höchste Geschwindigkeit: 145 Kilometer pro Stunde 

Streckenrekord: Fritz Strobl 1997 mit 1:51:58 Minuten

Rekordsieger: Didier Cuche (CH) mit 5 Abfahrtssiegen 

Sicherheit: 9,7 Kilometer Sicherheitsnetz auf 5.500 Stangen

Nahverkehr: 300 Züge an drei Tagen 

Wussten Sie, dass die Streif grundsätzlich für jeden guten Skifahrer befahrbar ist? Die Familienstreif umfährt die schwierigsten Passagen und lässt auch kleine Skifahrer zu Helden werden.

©Erich Spiess/ASP/Red Bull Content Pool
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