Tattoos auf der Haut, Tradition im Herzen

Interview mit Marco Wanke

©Marco Wanke

Es klingelt im Münchner La Loupe-Office, die Haustür schnappt auf und mit schwerem Atem schleppt sich jemand zwei Stockwerke nach oben. Kurze Zeit später steht ein gut gelaunter Marco Wanke mit einem sichtlich erschöpften Begleiter vor uns: seine Bulldogge Alfons. Als das Interview beginnt, verwandelt sich das Schnauben und Schnaufen des Vierbeiners schnell in ein gleichmäßiges Schnarchen – und das, obwohl das Interview mit Marco Wanke alles andere als langweilig ist. Die Wunderwaffe aus Farchant bei Garmisch-Partenkirchen spricht mit La Loupe über seine Heimatverbundenheit, vom Leben im Rampenlicht und seinen ersten Moderationsversuchen im Kinderzimmer.  

L.L. / Herr Wanke, Sie sind ein echter Tausendsassa. Stellen Sie sich vor, Sie müssten einem Fremden erklären, was Sie den lieben langen Tag so treiben: Wie würden Sie Ihren Alltag und Ihr Berufsleben beschreiben? 

M.W. / In der Öffentlichkeit bin ich natürlich anders als im privaten Leben. Nach außen hin bin ich eher der Gaudi-Max – der aber einen sehr strukturierten Tagesablauf hat. Bei mir ist eigentlich jeder Tag gleich, ein bisschen wie bei „Täglich grüßt das Murmeltier“: Ich stehe früh auf, mache meine Gassirunde mit meiner Bulldogge Alfons und trinke danach zwei Espressi und eine Oransoda-Schorle in meinem Stammcafé. Danach bin ich bis 12 Uhr im Büro und dann meist auf zahlreichen Außenterminen. 

Was ich also konkret mache? Ich mache alles, was Menschen unterhält und glücklich macht. Kurz gesagt: Entertainment. Deshalb heißt meine Firma auch Rock’n Fellas Entertainment.  

Nach außen hin war ich früher für viele immer der Lebenskünstler. Was die meisten aber nicht wussten: Ich habe eine Ausbildung bei TV München absolviert und bei einigen Printmedien und im Hörfunk gearbeitet – das haben nur viele Leute gar nicht mitbekommen. Als ich dann mein erstes Oldtimerfestival in Garmisch-Partenkirchen organisierte, hat sich das Bild des Lebenskünstlers verändert. Plötzlich hat der Wanke doch etwas bewegt.

Ich kritisiere viel und ecke deswegen oft an. Es ist aber so: Wenn man Kritik übt, muss man auch etwas ändern. In Garmisch-Partenkirchen hat mir oft das Entertainment für junge Leute gefehlt. Dann setzte ich das Oldtimerfestival um und die Bevölkerung war begeistert. Kurz darauf kam die Werbegemeinschaft auf mich zu und bat mich, das Frühlingsfest etwas zu revolutionieren. Ich machte mir also meine Gedanken und wollte ein Event etablieren, das generationsübergreifend funktioniert: die Weiße Nacht. Hier sitzen alle an einer riesigen, 600 Meter langen Tafel zusammen. Am Anfang waren sowohl die Garmisch-Partenkirchner als auch ich skeptisch, ob das Konzept funktioniert. Aber was soll ich sagen: Fünf Jahre später, 10.000 Leute, alle in Weiß. Danach entstand das Brunnenfest in Partenkirchen, das zu Beginn schon zahlreiche Besucher verzeichnete.

Bulldogge Alfons © Marco Wanke
Bulldogge Alfons © Marco Wanke

L.L. / Egal ob Weiße Nacht, Rock’n Fellas und Streetfood Festival. Mittlerweile tragen in Garmisch-Partenkirchen viele beliebte Events Ihre Handschrift. Welches Potenzial sehen Sie in der Alpendestination?  

M.W. / Ich mache all diese Veranstaltungen, weil ich der Meinung bin, dass sich in Garmisch-Partenkirchen etwas verändern muss. Das ist aber nicht leicht. Ich sage immer: Wenn man es in Garmisch-Partenkirchen schafft, dann schafft man es überall – und nicht umgekehrt. Die Einheimischen sind sehr loyal, aber bis man diese Loyalität hat, kostet es unfassbar viel Engagement und Schweiß. Genau an dieser Hartnäckigkeit gehen manche zugrunde. Das trennt die Spreu vom Weizen! Generell kann man sagen: Alles, was mit Essen und Trinken zu tun hat, funktioniert in Garmisch-Partenkirchen wunderbar. Neue Ideen zu etablieren ist hingegen schwierig, weil einige der Ansicht sind: „Des hamma no nia gmacht! Es laft a so.“  

L.L. / Sie kommen aus Farchant, vier Kilometer entfernt von Garmisch-Partenkirchen. Haben Sie so etwas wie einen Heimvorteil?

M.W. / Mittlerweile ja. Vor zehn Jahren sah das aber noch anders aus, denn ich war nie der typische Garmisch-Partenkirchner. Ich bin tätowiert, hatte früher Dreadlocks, bin verrückte Motorräder und Autos gefahren – all das hat nicht wirklich ins Ortsbild gepasst. Mittlerweile merken die Menschen jedoch, dass ich sehr heimatverbunden bin. Und auch die Ämter bringen mir ein großes Vertrauen entgegen. Bei uns gilt immer: „Ein Mann, ein Wort“. 

L.L. / Sie schaffen gekonnt den Spagat zwischen Tradition und Moderne. Wie wichtig sind Ihnen Ihre Wurzeln? Und wie schaffen Sie, diese in Einklang mit Ihren Veranstaltungen zu bringen? 

M.W. / Ich bin ehrlich gesagt nicht der typische Vereinsmeier, aber ich versuche die Tradition zu erhalten und arbeite viel mit Vereinen zusammen, denn ohne sie geht nichts. Privat bin ich auch sehr traditionsverbunden und trage sehr gerne Tracht, habe auch das Wappen meiner Heimatgemeinde Farchant tätowiert und war dort sogar als Gemeinderat aktiv. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, eigentlich bin ich ein traditioneller Spießer. Von Dirndl-Schickeria halte ich gar nichts, ich mag’s lieber authentisch. 

Es ist schön, dass der Trend generell wieder zur Regionalität geht. Vor ein paar Jahren wurde ich ein wenig der traditionell-verrückte Botschafter von Garmisch-Partenkirchen. Einerseits tätowiert, andererseits mache ich alte alpenländische Sportarten wie Steinheben und Fingerhakeln. Die Optik lässt halt nicht auf das Herz schließen.

© Marco Wanke
© Marco Wanke

L.L. / Unter all den Events: Gibt es eine Veranstaltung, die Ihnen in Garmisch-Partenkirchen ganz besonders am Herzen liegt? 

M.W. / Seit ich 24 Jahre bin, habe ich immer Events veranstaltet. Ich war damals hauptberuflich als DJ tätig, war viel in Clubs unterwegs und habe natürlich Ideen nach Garmisch-Partenkirchen gebracht. 

Mich für eine Veranstaltung entscheiden zu müssen, ist aber schwierig: Die Weiße Nacht war natürlich der Türöffner. Ich habe viele verrückte Ideen, bei denen ich aber auch weiß, dass sie wahrscheinlich nicht klappen. Momentan arbeite ich an einem Projekt, das im November starten wird: Eine Kaffee- & Lifestylemesse namens Melange, ein Event, für das mein Herz ganz besonders schlägt. Im Rahmen der Melange wird einerseits Kaffee in verschiedenen Formen präsentiert – mein ehemaliger Sitznachbar in der Schule macht heute Wild Kaffee – aber auch verschiedene Aspekte des damit verbundenen Lifestyles. Unterschiedliche Baristas zeigen dort ihr Können, es werden aber auch Wein-, Whisky-, Crafbeer- und Gintastings angeboten. Außerdem bin ich ein großer Bücherfan, deshalb soll es auch dafür einen eigenen Stand geben, genauso wie einen für Schallplatten. Wir sind gerade noch etwas am tüfteln, aber ich kann mir gut vorstellen, dass das eine meiner Lieblingsmessen wird, weil sie sehr persönlich sein wird.

L.L. / Sie haben Ihre Moderationskünste schon auf über 300 Veranstaltungen gezeigt. Welches Event ist Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben?

M.W. / Moderation ist nicht gleich Moderation. Ich könnte nicht seriös die Tagesthemen machen oder Leuten etwas verkaufen. Dafür bin ich einfach zu ehrlich. Ich bin natürlich ein Selbstdarsteller und deshalb ist es toll, wenn viele Leute vor der Bühne stehen. Vom Erfolg her ist mir die Gamescom im Kopf geblieben, dort habe ich auf der Hauptbühne moderieren dürfen. Pro Tag waren es etwa zehn Shows mit jeweils 2.000 bis 3.000 Zuschauern. 

Vom Flair her gewinnt jedoch das Bergfestival am Wank. Es macht Spaß, gemeinsam mit den Bands das Publikum zu unterhalten. Ich mag aber auch alle Events von Red Bull, wie den Fensterlkönig oder die Bob Heroes. 

Ich würde gerne etwas mehr fürs Fernsehen machen, doch da wird mir immer gesagt, dass man meinen Akzent zu sehr höre. Der Sprung zum Fernsehen fehlt mir also noch, aber ich arbeite dran. 

L.L. / Würden Sie dafür auch vom Dialekt ins Hochdeutsche wechseln?

M.W. / Nein! Ich würde mir auch nie eine Glatze dafür rasieren lassen. Ich bleibe so, wie ich bin. Und entweder man nimmt mich so oder halt nicht. 

©Marco Wanke
©Marco Wanke

L.L. / Sie haben gerade erwähnt, dass Ihnen auf manchen Events tausende Besucher lauschen. Haben Sie eigentlich noch Lampenfieber, wenn Sie auf großen Bühnen stehen?

M.W. / Es ist komisch: Wenn das Event familiärer ist, bin ich nervöser als wenn ich vor einer großen Masse stehe. Ich weiß nicht warum, womöglich liegt es an der Anonymität.  

Ich habe generell keine Skripts oder Moderationskarten, schaue mir also den Text zehn Minuten vor der Show an und kann ihn dann wiedergeben. Ich behalte den Text dafür dann aber auch nur ungefähr eine Stunde im Kopf (lacht). 

L.L. / Sie sagten, dass Sie ein Selbstdarsteller sind. Standen Sie schon immer gerne im Rampenlicht?

M.W. / Ich habe schon im Kinderzimmer Kassetten aufgenommen, bei denen ich einen auf Radiomoderator gemacht habe. Im Nachhinein finde ich es furchtbar peinlich. Ich habe damals auch schon samstags Aufführungen für meine Mama und Freunde gemacht. Im Kindergarten spielte ich auch schon den Josef und habe in der Schule auch Abendveranstaltungen gemacht. Ich stand also schon immer gerne auf der Bühne, doch damals habe ich mir viel mehr Gedanken gemacht. Da musste das Gesagte immer perfekt sein. Diese Einstellung habe ich aber mit Mitte 20 komplett abgelegt. Nichts muss perfekt sein.


„Ich bleibe so, wie ich bin. Und entweder man nimmt mich so oder halt nicht.“ 


L.L. / Beruflich stehen Sie gerne im Mittelpunkt. Tun Sie das auch privat? 

M.W. / Was ich merke, und was von Jahr zu Jahr schlimmer wird: Ich werde sehr menschenscheu. Das soll nicht arrogant klingen, aber ich gehe seit ein paar Jahren nicht mehr in öffentliche Schwimmbäder oder zu Veranstaltungen, denn der Kunde verzeiht nichts – auch nicht, wenn ich gerade mal keine Lust zu reden habe und eigentlich nur meine Ruhe haben will. Ich möchte niemand vor den Kopf stoßen, aber wenn ich daheim bin, bin ich ICH. Hier möchte ich nicht in meiner Rolle sein, bin sehr ruhig, höre Musik oder spiele mit meinem Hund Fonsi. Ich steige dann auch gerne aufs Motorrad oder ins Auto, dort bin ich allein und habe meine Ruhe. Dabei entstehen auch die meisten Ideen. Früher war ich wirklich überall, heute sage ich eher ab. Mir ist es sehr wichtig, privat zu sein. 

L.L. / Auch als DJ sind Sie schon weit gereist. Mit welchem Mix zieht es wirklich jeden auf die Tanzfläche? 

M.W. / Es kommt immer auf die Events an. Bei privaten Festen, Hochzeiten und Taufen funktioniert der Mainstream, aber auch Oldtime Classics wie „Summer of 69“ oder „Like the way I do“. Das sind Lieder, die kennt jeder und die kann auch jeder mitgrölen. Wenn es denn zur Situation passt, mixe ich diese Lieder auch mit ein wenig House – zum Beispiel während des Sonnenuntergangs beim Wank-Festival. Die Playlist hängt aber definitiv von den Leuten ab. In Südbayern tanzt man beispielsweise nicht zu Liedern, die man nicht kennt. In Köln hingegen feiert das Publikum jedes gute Lied. Die Österreicher hören wiederum gerne einfachere Partymusik, die hier gar nicht mehr funktioniert. In der Schweiz braucht man sehr abgefahrene Mixe und in den USA wird jedes Lied nur 30 Sekunden angespielt. 

© Marco Wanke
© Marco Wanke

L.L. / Außerdem sind Sie Inhaber des Tattoostudios Tattoo Fellas in Garmisch-Partenkirchen. Was war Ihr erstes Tattoo? Und wussten Ihre Eltern davon? 

M.W. / Mit 15 wollte ich mir mein erstes Tattoo stechen lassen, ein fünf Mark großer Skorpion, mein Sternzeichen. Meine Mama war auch einverstanden. Ich wollte es mir dann in München auf die Wade stechen lassen, habe es auch allein durchgezogen und war zunächst sehr stolz. Der Tätowierer meinte jedoch, dass wir es nicht auf die Größe hinbekommen und es etwas abwandeln müssen. Ich ließ ihn einfach machen. Im Endeffekt wurde es um einiges größer als geplant, allein die Zange war schon so groß wie fünf Mark. Meine Mama musste erstmal einen doppelten Schnaps trinken, als ich nach Hause kam, und es herrschte eine Woche lang Funkstille. Bereut habe ich es aber nicht.

L.L. / Keines Ihrer Tattoos?

M.W. / Nein, sie passen immer zu den Lebensabschnitten. Zwei oder drei habe ich aber mit neuen Motiven covern lassen. Die Tattoos gehören einfach zu mir.

Ich steche aber keine Tattoos selbst, ich bin sehr untalentiert. Jede Zeichnung von mir sieht aus, als hätte sie ein dreijähriges Kind gemacht. Ich habe es aber schon versucht und meinem Tätowierer ein Motiv gestochen – und es dann schnell wieder sein lassen. 

L.L. / Man merkt, Sie sind ein Rock’n’Roller aus Leib und Seele. Stellen Sie sich vor, Sie könnten die nächsten 24 Stunden mit einem Idol aus den 1950ern oder 60ern verbringen. Mit wem würden Sie gerne einen ganzen Tag unterwegs sein? 

M.W. / Musikalisch gesehen würde ich mit Rat Pack 24 Stunden in Las Vegas verbringen, einfach, weil ich wissen will, ob die wirklich so viel gesoffen haben. 

Wenn es um die Persönlichkeit geht, würde ich John F. Kennedy treffen wollen, denn ich würde gerne herausfinden, wie konservativ oder scheinheilig die Gesellschaft damals wirklich war. 

Was mich an der Zeit damals so fasziniert: Der Anstand. Man musste den Vater fragen, ob man mit der Tochter ausgehen darf. Und auch Konflikte konnte man unter vier Augen austragen. 

Wordrap mit Marco Wanke:

Radio oder TV?

TV

Dieses Tattoo möchte ich mir als nächstes stechen lassen:

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Ich bin der Meinung, dass Reden Gold ist und Schweigen Silber. Reden ist wichtiger.