Wenn Geschichte weitererzählt wird

Das Werdenfels Museum in Garmisch-Partenkirchen

©Werdenfelsmuseum

Von außen betrachtet ist das ehemalige Kaufmannshaus aus dem 17. Jahrhundert ein echtes Schmuckstück der Partenkirchner Ludwigstraße. Doch erst von innen zeigen sich die wahren Schätze des prachtvollen Gebäudes. Hinter den dicken Mauern befindet sich nämlich das Werdenfels Museum – eine echte Institution, durch die Geschichte, Kunst und Kultur nicht nur bewahrt, sondern auch weitererzählt wird. Seit 2018 dürfen sich Gäste nun über einen Erweiterungsbau samt imposanter Sonderausstellung freuen.

Drei Jahre lang wurde das Werdenfels Museum umgebaut und saniert. Im Mai 2018 – pünktlich zum Beginn der Bayerischen Landesausstellung in Ettal – konnten die neuen Räumlichkeiten schließlich mit einer fulminanten Sonderausstellung von Museumsleiter Josef Kümmerle eröffnet werden. „Mit künstlerischem Gespür“ – Natur und Kultur als künstlerische Inspiration zeigt eine Retrospektive des Malers Prof. Carl Reiser (1877 bis 1950), der zu den bekanntesten Künstlern in Garmisch-Partenkirchen und Umgebung gehört.

Bergmotive und Werdenfelser Charakterköpfe

Neben originalen Bauernstuben, Tracht- und Schmucksammlungen, Zugspitzgeschichte, religiöser Volkskunst und einer Geigenbaustube gibt es nun also auch großformatigen Ölbilder des Partenkirchner Künstlers zu bestaunen. In seinen Gemälden widmet er sich überwiegend der regionalen Bergwelt und bringt sie mit leuchtenden Farben, fast magisch, auf die Leinwand. Auch seine Ortsansichten von Garmisch und Partenkirchen sowie seine Stillleben und figuralen Darstellungen erlangten bis über die regionalen Grenzen hinaus große Bekanntheit.

©Werdenfelsmuseum
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Interview mit Galerist Michael Pritschow:

„Viele Künstler lebten in München, schätzten aber die Nähe zum Werdenfelser Land“

Maler im Werdenfelser Land des 19. und angehenden 20. Jahrhunderts sind auch das Spezialgebiet von Michael Pritschow von der gleichnamigen Galerie in Garmisch-Partenkirchen. La Loupe hatte die Gelegenheit, dem Kunstkenner einige Fragen zu Prof. Carl Reiser zu stellen.

L.L. / In Ihrer Galerie stellen Sie über 1.500 Exponate aus – darunter zahlreiche Gemälde von Prof. Carl Reiser. Geschichten besagen, dass er seine Werke damals oft als Zahlungsmittel verwendete. War der Künstler schon zu seinen Lebzeiten bekannt in Garmisch-Partenkirchen?

M.P. / Ja, das stimmt: Seinerzeit beglich Prof. Carl Reiser mit seinen Gemälden Schulden und Steuern. Außerdem erhielt er zahlreiche Staatsaufträge, unter anderem vom Freistaat Bayern. Reiser konnte also schon zu Lebzeiten gut von seiner Kunst leben und betrieb Ateliers in Partenkirchen und München.

© La Loupe

L.L. / Carl Reiser malte zu einer Zeit, in der Kunst – besonders bei der ländlichen Bevölkerung – noch keinen hohen Stellenwert hatte. Was hat Carl Reiser angetrieben und an wen waren seine Gemälde in erster Linie gerichtet? Und wie ist die Galerie Pritschow an die Werke gekommen? 

M.P. / Prof. Carl Reiser betrieb von 1900 bis 1933 überwiegend sein Atelier in München und war ständig in der Kunst-Illustrierten „Jugend“ vertreten. Dadurch wurde er auch bekannt. Seine Gemälde waren eigentlich an alle gerichtet. Er malte für die öffentliche Hand, große Gemälde für Hotels und natürlich für Privatleute. Bei uns in der Galerie ist Reiser vertreten, weil wir bevorzugt heimische Künstler präsentieren.

L.L. / In der Region fanden sehr viele Künstler Inspiration – auch wenn sich ihr Stil teilweise stark von Carl Reisers unterscheidet. Können Sie uns erklären, warum Garmisch-Partenkirchen und Umgebung gerade für Kunstschaffende ein Sehnsuchtsort war und ist?

M.P. / Garmisch-Partenkirchen überzeugt natürlich durch seine reizvolle Bergwelt und bietet atemberaubende Kulissen mit Bergen, wunderschönen Seen, Wäldern und Wiesen. Viele Künstler lebten in München, schätzten aber die Nähe zum Werdenfelser Land – sie kamen hier in den Genuss der Natur und hielten die Region mit dem Pinsel fest.

©Werdenfelsmuseum
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Carl Reiser

Carl Reiser wurde am 5. Juni 1877 als Sohn eines königlich-bayerischen Posthalters in Partenkirchen geboren. Nach einer abgebrochenen Ausbildung in der Hotellerie studierte er an der Akademie der Bildenden Künste in München. Seinen ersten Erfolg feierte Reiser im Jahr 1906 mit seinen beiden Bildern „Spuren im Schnee“ und „Sternennacht übern Wetterstein“ in einer Ausstellung im Münchner Glaspalast, außerdem erschienen seine Werke häufig in der Kunstzeitschrift „Jugend“. 1927 wurde er vom Bayerischen Kultusministerium zum Professor für Bildende Kunst ernannt. Nach seiner Rückkehr nach Garmisch-Partenkirchen wurde er Vorsitzender des Werdenfelser Künstlerbunds. 1950 starb er unerwartet in Folge eines Gehirnschlags.