Die einzige Konstante ist die Veränderung

Interview mit Alexander Liebreich, künstlerischer Leiter des Richard-Strauss-Festivals

©Sammy Hart

Top music at top locations – getreu diesem Motto fand das Richard-Strauss-Festival nach neun Jahren zum ersten Mal unter einer neuen Leitung statt. Frischen Wind bringt der renommierte Regensburger Dirigent Alexander Liebreich, der das Konzept des beliebten Events als künstlerischer Leiter neu ausrichtete und zahlreiche Stars wie Lisa Batiashvili, Alban Gerhardt und Okka von der Damerau an außergewöhnliche Spielorten in und um Garmisch-Partenkirchen holte. Alexander Liebreich im Gespräch über Metamorphosen, die Verwurzelung des Festivals in Garmisch-Partenkirchen und neue Herausforderungen.

L.L. / Das Eröffnungskonzert des Richard-Strauss-Festivals stand unter dem Titel „Metamorphosen“. In Ihrem ersten Jahr als künstlerischer Leiter: Verspürten Sie – getreu dem diesjährigen Thema – den Drang nach Veränderung?  

A.L. / Ich verspüre grundsätzlich den Drang nach Veränderung und stelle mich sehr gerne der Herausforderung. Die Metamorphose, die Veränderung, gibt als eines der Grundprinzipien menschlichen Lebens sowieso die Dynamik unserer Existenz vor. 

L.L. / Sie traten in große Fußstapfen, nämlich in die von Brigitte Fassbaender, die das Festival neun Jahre lang geleitet hat. Hat Sie das nervös gemacht?

A.L. / Hätte ich singen müssen, wäre ich allerdings sehr nervös gewesen, denn Frau Fassbaender ist ein Mythos als Sängerin. Ihr als Festivalleiter nachzufolgen ist mir eine Ehre und eine Freude. Ich habe in den letzten zehn Jahren zwei internationale Festivals erfolgreich leiten und entwickeln dürfen und freue mich deshalb auf meine Aufgaben beim Richard-Strauss-Festival. Bei dieser Tätigkeit bin ich als Künstler und als Manager gefordert, das Festival mit meiner eigenen Handschrift zu versehen und weiterzuentwickeln. Brigitte Fassbaender hat das Festival auf ihre Art geprägt und darauf darf ich nun aufbauen. 

©growpublic
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L.L. / Verwurzelt im Ort – dieses Schlagwort fällt oft in Bezug auf das Richard-Strauss-Festival. Wie wurde diese Verwurzelung im Rahmen des Events in diesem Jahr geschaffen? 

A.L. / Die Verwurzelung im Ort ergibt sich zum einen aus der Person Richard Strauss, der sich Garmisch-Partenkirchen ganz bewusst als den Mittelpunkt seines Familienlebens und seines künstlerischen Schaffens ausgesucht hatte. Mit zwei Projekten, der Open Stage und dem Tanzprojekt, bezogen wir die jungen Menschen an den Schulen und Musikschulen, die seit Monaten an ihren Projekten gearbeitet haben, in das Festivalgeschehen mit ein.

Zum anderen waren wir als Festival, das Team, die mitwirkenden Künstler während des Festivals sehr präsent. Die Fahnen und Banner im Ortszentrum, die Kulturstühle vor den Geschäften, die dekorierten Schaufenster, die Unternehmen, die uns unterstützten, das alles vermittelte die Verankerung des Festivals im Ort. Natürlich kamen in diesem Jahr auch die Spielorte dazu: die Partnachklamm, der Wank, die Werdenfels-Aula. Wir bewegten uns mit unseren Konzerten im Ort. 

L.L. / Die Veranstaltungsorte sind beim Richard-Strauss-Festival für die Klassik mehr als untypisch. Oft hat man das Gefühl, klassische Musik bräuchte große Konzertsäle. Sehen Sie das anders? 

A.L. / Klassische Musik braucht wie jede Kunstform einen passenden Rahmen, fand aber historisch gesehen immer an verschiedenen Spielorten und selbstverständlich auch unter freiem Himmel statt. 

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L.L. / Neben dem Kloster Ettal wurde auch die Partnachklamm und die Sonnenalm am Wank 2018 erstmalig zum Veranstaltungsort. Wo begegnet man dort Richard Strauss und seinem Werk? 

A.L. / Auf der Sonnenalm des Wank erprobten wir ein ganz neues Konzertformat, bei dem wir unterschiedliche Aspekte von Genuss erfahrbar machten: Landschaft, Kulinarik und Musik flossen ineinander. Richard Strauss selbst war durchaus ein Genießer, liebte das Kartenspiel und gutes Essen. Das Programm der Munich Opera Horns hieß „Von der Renaissance zum Rosenkavalier“ und dabei erklang die Rosenkavalier Suite von Strauss. Rund um die Partnachklamm fand die Begegnung mit Strauss über die intensive Naturerfahrung statt. Er liebte die Landschaft Garmisch-Partenkirchens und unternahm lange Spaziergänge und Wanderungen. 


„Richard Strauss liebte die Landschaft 

rund um Garmisch-Partenkirchen und unternahm 

lange Spaziergänge und Wanderungen.“


L.L. / Es gab einige neue Programmpunkte wie Musikwandern und den Meisterkurs für Gesang. Können Sie uns Ihre Gedanken hinter dem neuen Programm verraten? 

A.L. / Den Meisterkurs gibt es bereits seit den Anfangstagen des Festivals. Es ist wichtig, dass junge Sänger die Möglichkeit haben, bei erfahrenen Kräften zu lernen. In der besonderen Atmosphäre eines Festivals ist das doppelt spannend, auch für das Publikum.  Tatsächlich neu waren die Musikwanderungen. Ich liebe die großartige Landschaft Garmisch-Partenkirchens und wollte sie immer auch zum Rahmen musikalischer Erfahrungen machen. Bei den Musikwanderungen machten wir uns gemeinsam auf den Weg und die mitwirkenden Musiker spielten an ausgewählten Orten Stücke, deren Charakter zum Charakter der Landschaft passte. So erlebte man rund um die Partnachklamm wild-romantische und experimentelle Klänge, an der Ettaler Mühle erklang Musik, die bei ihrer Uraufführung am Wasser gespielt wurde. Wir versuchten, mit dem Musikprogramm den Charakter der Landschaft zu unterstreichen und dem Publikum ein besonders intensives Erlebnis zu bieten.

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L.L. / Bei der neuen Open Stage präsentierten junge Talente aus Garmisch-Partenkirchner und Murnauer Musikschulen selbstgewählte Stücke. Wie wichtig ist es, gerade jüngeren Generationen klassische Musik näherzubringen? 

A.L. / In jedem Fall muss der Zugang ein unkomplizierter und lustvoller sein. Klassische Musik ist Bestandteil einer Gesellschaft, egal welchen Alters.

L.L. / Auch ein Kamingespräch mit Skiass Felix Neureuther stand auf dem Plan – im ersten Moment fragt man sich: Sport und Kultur, wie passt das zusammen? Was war Ihre Intention dahinter? 

A.L. / Ich und übrigens die meisten meiner Kollegen sind große Sportfans. In Proben- und Konzertpausen wird durchaus mehr über die Ergebnisse von Champions League und Weltmeisterschaften diskutiert als über Musik. 

Wir Musiker müssen wie Sportler in der Lage sein, uns zu Höchstleitungen zu motivieren, wir müssen trainieren, um unsere Leistungen abrufen zu können und wir müssen auf unsere körperliche und mentale Fitness achten. Das Leben eines Musikers ist also dem Leben eines Sportlers in mancher Hinsicht sehr ähnlich. 

Felix Neureuther ist ein sehr verantwortungsbewusster Sportler, ein Vorbild für viele und als Garmisch-Partenkirchner mit der Kulturlandschaft des Werdenfelser Landes eng verbunden. Es war ein Vergnügen, mit ihm über die „Faszination Alpen“ zu sprechen.

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L.L. / Im September 2018 wechseln Sie vom Nationalen Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks zum Symphonieorchester des Tschechischen Rundfunks. Ihre Familie väterlicherseits stammt aus Tschechien. Spüren Sie selbst dort auch noch eine gewisse Verwurzelung? Mit welchen Gefühlen gehen Sie dorthin? 

A.L. / Ich bin noch bis 2019 Leiter des NOSPR, habe also noch eine Konzertsaison vor mir. Es stimmt, seitens meines Vaters habe ich Wurzeln in Böhmen und Mähren. Und der kulturellen Vielfalt im Zentrum Europas fühle ich mich sehr verbunden. 

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Wordrap mit Alexander Liebreich

Open Air oder im Konzertsaal?

Am liebsten auf dem Rasen mit Picknick.

Wenn ich an Garmisch-Partenkirchen denke ...

würde ich am liebsten einmal von der Schanze springen.

Privat höre ich ...

meinem Sohn beim Klavierspielen zu.

Dieses Werk von Richard Strauss hat mich am stärksten geprägt:

Elektra.

Arabella oder Salome?

Bis heute nur Salome.

Dieses Konzert ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben?

1993, Gustav Mahler, 1. Symphonie mit meinem Mentor Claudio Abbado im Münchner Gasteig.