„Ich kenne den Mörder schon!“

Interview mit Schriftsteller und Kabarettist Jörg Maurer

Agatha-Christie-Krimipreis, der MIMI-Publikumspreis und der Radio-Bremen-Krimipreis – der Garmisch-Partenkirchner Schriftsteller und Kabarettist Jörg Maurer gehört derzeit zu den gefragtesten und witzigsten Autoren im deutschsprachigen Raum. Seine Krimireihe rund um Kommissar Hubertus Jennerwein besitzt mittlerweile Kultstatus und findet zahlreiche Fans – und das nicht nur am Schauplatz der schlimmen Geschehnisse in seiner Heimat am Fuße der Zugspitze. La Loupe sprach mit dem Bestseller-Autor über Werdenfelser Hoba, die grausamste Mordmethode und sein neues Buch.

L.L. / Herr Maurer, seit 2009 erscheint jährlich ein Kommissar-Jennerwein-Krimi von Ihnen. Im idyllischen Alpenkurort geht es seitdem heiß her, es wird belogen und betrogen – und natürlich auch gemordet. Wie reagierten die Bewohner Ihrer Heimat am Fuße der Zugspitze eigentlich auf Ihre Kriminalromane?

J.M. / Naja, wie soll ich sagen: Viele sind schon tot, weil sie ja ermordet wurden. Die reagieren naturgemäß gar nicht mehr. Die anderen, die Lügner, Betrüger und Mörder – wie Sie sagen –, die werden sich hüten, ihren Senf dazuzugeben. Also habe ich eigentlich gar keine Reaktionen zu befürchten!

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L.L. / Sie studierten in München Germanistik, arbeiteten dann fünf Jahre als Lehrer, später als Musikkabarettist, waren dann Leiter eines eigenen Schwabinger Theaters. Wie fanden Sie zum Schreiben? Und warum ausgerechnet ein Kriminalroman?

J.M. / Ich habe eigentlich immer schon gerne geschrieben, auch als Lehrer, Musikkabarettist und Theaterleiter. Wenn man eine Leidenschaft für Literatur hat und viel liest, keimt auch einmal der Wunsch, selbst etwas zu versuchen. Unter allen literarischen Genres hat mich der Kriminalroman am meisten fasziniert. Diese Gratwanderung zwischen anspruchsvoller Literatur und spannender Unterhaltung ist für mich immer noch sehr reizvoll.

L.L. / In Ihrem aktuell neunten Kriminalroman „Im Grab schaust du nach oben“ ermittelt Kommissar Jennerwein zur Zeit des G7-Gipfels, der 2015 wirklich in Krün, 17 Kilometer von Garmisch-Partenkirchen entfernt, abgehalten wurde. Lassen Sie sich von realen Begebenheiten aus der Region inspirieren?

J.M. / Die Gipfeltreffen haben in den letzten Jahren schon Dutzende von Malen an verschiedenen Orten der Welt stattgefunden, sie verlaufen meiner Ansicht nach immer nach demselben Schema: große Aufregung, nichts dahinter. Diese Inszenierung von Macht und Ohnmacht wollte ich satirisch aufs Korn nehmen. Und mit der Inspiration ist das so eine Sache – ich lasse mir lieber selbst was einfallen, das ist spannender.

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L.L. / Wissen Sie während des Schreibprozesses eigentlich schon, wie das Buch zu Ende geht?

J.M. / Bei einem Kriminalroman bleibt das nicht aus. Man schreibt ihn, wenn er denn einen knackigen, überraschenden Schluss haben soll, vom Ende her. Ich bin also nicht überrascht über den Ausgang – ich kenne ja den Mörder schon.

L.L. / Plaudern Sie doch mal ein bisschen aus dem Nähkästchen: Auf was dürfen sich Leser Ihres neuen Buchs freuen?

J.M. / Eines kann ich vielleicht schon verraten: Das bei den Lesern sehr beliebte Bestattungsunternehmerehepaar Ignaz und Ursel Grasegger wird im zehnten Krimi, der im Frühjahr 2018 erscheint, eine gefährlich zentrale Rolle spielen.

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L.L. / Neben der beliebten Krimireihe veröffentlichten Sie vergangenes Jahr das Sachbuch „Bayern für die Hosentasche“, in dem Sie versuchen, die Besonderheiten des Freistaats zu erklären und Vorurteile zu widerlegen. Sie kommen ursprünglich aus dem bayerischen Oberland, sind aber oft auf Lesereise im gesamten deutschsprachigen Raum unterwegs. Müssen Sie privat auch oft gegen Klischees kämpfen?

J.M. / Nein. Ich bin das Klischee. Ich trage Tag und Nacht eine einzige Lederhose, die unsere Familie seit Generationen trägt, ich schuhplattle zu jeder vollen Stunde und jodle, wo immer sich Gelegenheit dazu bietet.

L.L. / In „Bayern für die Hosentasche“ findet man auch einen Kurzsprachkurs für Bayerisch, den sie satirisch auf fünf Regeln reduzieren. Welche Redewendung oder welches Wort sollte auch jenseits des Weißwurstäquators unbedingt mehr Bedeutung gewinnen?

J.M. / Die Redewendungen und Dialektausdrücke sollten vielleicht eher dort bleiben, wo sie entstanden sind. Es gibt nichts Peinlicheres, wenn unsereins versucht, sächsisch zu sprechen. Umgekehrt ist es sicher genauso. In diese Richtung geht meine Satire, die sich über die Anleitungen zum Bayrischsein lustig macht.

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L.L. / Sie sind Kabarettist und Schriftsteller. Wo sind die Schnittstellen dieser beiden Facetten?

J.M. / Man lernt als Kabarettist, kurz und knapp zu arbeiten, eine Szene sollte nicht länger als ein paar Minuten dauern, das habe ich versucht, in die Romankapitel zu übertragen. Ein Kabarettist muss sich auch hüten, bierernst zu sein. Eine Szene sollte immer mit einem Lächeln beginnen und am Schluss mit einer Pointe enden. Dazwischen kann es grauslig zugehen. Das ist im Kriminalgenre nicht anderes, zumindest bei mir.

L.L. / Was macht Ihnen eigentlich mehr Spaß: das Schreiben oder die Lesungen?

J.M. / Das sind sozusagen zwei Sportarten, bei der einen lernt man von der anderen. Aber das Schreiben ist natürlich zurzeit mein Hauptspaß.

L.L. / Sie haben ein Faible für ausgefallene Kochkunst. Mit welchem Gericht beeindrucken Sie Ihre Liebsten? Und welches Gericht aus Ihrer Heimat sollte man unbedingt probieren?

J.M. / Ein außergewöhnliches Gericht, das wohl aus dem Werdenfelser Raum stammt, ist der Hoba. Das ist eine Kartoffelspeise, bei der man schon eine halbe Stunde dauernd neben der Pfanne stehen muss, sonst wird das nichts. Ich habe das Gericht in meinem ersten Roman „Föhnlage“ erwähnt, im Anhang ist das Rezept zu finden, so, wie es mir mein Opa erzählt hat.

L.L. / Wenn Sie in Ihrer Fantasie mal keine Ganoven jagen, wo findet man Sie in Ihrer Freizeit in Garmisch-Partenkirchen?

J.M. / Auf der südlichen Schroffenschneide, beim Wildern.

L.L. / Bücher, Verfilmungen und Lesungen – Sie sind ein vielbeschäftigter Mann. Welches Projekt steht in naher Zukunft an?

J.M. / Mein nächstes Sachbuch, das Ende Oktober 2017 erscheinen wird, behandelt das Thema Weihnachten, natürlich auch wieder vom Standpunkt des Kabarettisten aus.

L.L. / Hand aufs Herz: In Ihren Büchern wird die kleine Alpendestination als dunkles Pflaster beschrieben. Ist es wirklich so schlimm?

J.M. / Es ist noch schlimmer. Ich habe sehr abgemildert. Dafür sind mir viele Menschen aus der Region dankbar.

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Wordrap mit Jörg Maurer

Als Kind wollte ich ... Tierarzt ... werden. Und Lehrer. Und Kunstturner. Und eigentlich schon immer Schriftsteller. Gut, dass es dann so gekommen ist, dass ich Autor geworden bin. Denn wo sollte ich jetzt als Kunstturner arbeiten?

Meine Inspirationsquelle in Garmisch-Partenkirchen sind ... die Garmisch-Partenkirchner und Garmisch-Partenkirchnerinnen in und um und mitunter auch außerhalb von Garmisch-Partenkirchen.

Schweinebraten oder Hummer mit Mandelkruste? Die Beatles, mit Mandelkruste, dazu echten Werdenfelser Hoba.

An diesem Ort schreibe ich am liebsten: In der Post in Mittenwald, an dem Tisch, an dem Goethe bei seiner italienischen Reise am 7. September 1786 gesessen hat. Schöner Nebeneffekt: Wenn man da schreibt, reimt sich auf einmal alles.

Meine liebste Mordmethode: Weiterlebenlassen bis zum bitteren Ende. Im Volksmund auch Ehe genannt.

Meine Vorbilder sind ... Arno Schmidt, Raymond Chandler, Thomas Bernhard.

Diese drei Bücher muss man gelesen haben: „Der futurologische Kongreß“ von Stanislaw Lem, „Ediths Tagebuch“ von Patricia Highsmith, „Metaphysik der Röhren“ von Amelie Nothomb.

Jörg Maurer

Jörg Maurer, geboren 1953 in Garmisch-Partenkirchen, widmete sich nach seinem Abitur dem Studium der Germanistik, Anglistik und Theaterwissenschaft in München. Er arbeitete fünf Jahre als Deutschlehrer an Gymnasien in der bayerischen Landeshauptstadt und realisierte dann eigene Produktionen an verschiedenen Münchner Theatern. Es folgten zahlreiche Auftritte als kultursatirischer Musikkabarettist und einige Hörfunksendungen. Seit 2002 veröffentlicht er regelmäßig Kurzgeschichten und Krimis. 2009 erlangte er mit seinem Kriminalromandebüt „Föhnlage“ großen Erfolg, seitdem folgt jedes Jahr ein weiterer Band dieser Reihe. Im Frühjahr erschien der neunte Krimi mit dem Titel „Im Grab schaust du nach oben“ im Fischerverlag.