Die Ideen liegen auf der Straße

Interview mit Daniel Grunenberg vom Duo Glasperlenspiel

©Marcus Haner

„Ich wünsch’ dir noch ’n geiles Leben, mit knallharten Champagnerfeten, mit Fame, viel Geld, dicken Villen und Sonnenbrillen“ – es gibt kaum jemand, der den Refrain von Glasperlenspiels „Geiles Leben“ nicht mitsingen kann. Dafür sprechen 125 Millionen Audio- und Videostreams, 900.000 verkaufte Platten und Doppelplatin. 

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Seit April 2018 ist das Elektropopduo, bestehend aus Carolin Niemczyk und Daniel Grunenberg, endlich mit einem neuen Album zurück. Im Interview mit La Loupe spricht Daniel Grunenberg über das Konzept hinter „Licht & Schatten“, den Umgang mit persönlichen Rückschlägen und den legendären Auftritt im Olympia-Eisstadion in Garmisch-Partenkirchen. 

L.L. / 2015 erschien euer Superhit „Geiles Leben“ – die Resonanz war überwältigend. Hat euch der große Erfolg bei der Arbeit am neuen Album Licht & Schatten nicht eingeschüchtert? 

D.G. / Es wäre schön, wenn einem alles ganz egal wäre. Es ist teilweise aber schon schwierig, das alles auszublenden, aber wir versuchen uns da nicht verrückt zu machen und uns nicht mit vergangenen Erfolgen zu messen. Ich bin der Meinung, dass echte Kreativität nur entstehen kann, wenn man sich von solchen Gedanken freimacht. Natürlich hat man viele verschiedene Stimmen, die einen in gewisse Richtungen bewegen möchten. Wir fokussieren uns aber darauf, Songs zu schreiben, die wir fühlen und die von uns kommen. Am Ende ist das der einzig richtige Weg. Manchmal wäre es schön, wenn wir diese Stimmen abschalten könnten – und manchmal gelingt das besser, manchmal schlechter. Gemeinsam finden Carolin und ich da aber einen guten Weg.

L.L. / 2017 habt ihr deutlich weniger Shows gespielt und die Zeit intensiv genutzt, um am neuen Album zu arbeiten. Wie geht ihr an ein neues Projekt ran und welches Konzept steckt dahinter? 

D.G. / Wir sind dieses Mal sehr konzeptionell an die Platte rangegangen. Wir hatten schon ganz lange die Idee, ein Album auf zwei Seiten herauszubringen. Wir remixen live immer sehr viel und machen aus unseren Songs beispielsweise Club-Remixe. Auf Licht & Schatten gibt es deshalb eine schwarze und eine weiße Seite. Das weiße Album ist das Popalbum, das so klingt, wie man uns eigentlich kennt. Auf der schwarzen Seite sind die gleichen Lieder zu hören, jedoch in einem ganz anderen Gewand. Sie sind tanzbarer und deshalb mehr für die Nacht geeignet. Unser Credo hinter der Platte war, dass wir nicht wüssten, was Glück ist, wenn wir nicht auch mal auf die Fresse fliegen würden. Das gehört einfach dazu. Dieser Gedanke zieht sich durch die ganze Platte. Sowohl die Schatten- als auch die Lichtseite gehören zusammen und halten sich im Idealfall die Waage. Aus jeder noch so schlechten Situation kann auch etwas Gutes entstehen und oft geht man gestärkt aus ihr heraus. Bei uns lief auch nicht immer alles glatt und im Nachhinein betrachtet hatte doch alles seinen Sinn. 

©Arton Sefa
©Arton Sefa

L.L. / Carolin Niemczyk und Sie sind ein eingespieltes Zweiergespann. Wer übernimmt welchen Part?

D.G. / Ich bin eher die technische Komponente, kümmere mich um die Musik und die Produktion. Caro ist mehr für den Text zuständig, ist aber natürlich auch bei der Musik involviert. Das hat sich über die Jahre so entwickelt, wir verstehen uns wirklich blind und können deshalb im Studio sehr frei arbeiten. Wir sind sehr gut aufeinander eingegroovt und beeinflussen uns gegenseitig. Außerdem setzen wir uns oft mit Freunden in Berlin, unserem momentanen Wohnort, und am Bodensee, unserer Heimat, zusammen. Besonders mit Freunden aus der Hip-Hop-Szene schreiben wir gerne gemeinsam an neuen Songs. So wird unser Horizont stetig erweitert. Gerade im Hip Hop ist der Text extrem wichtig und dadurch erhält die Musik auch eine andere Attitude. Das tut uns gut!

L.L. / Euer neues Album hat sehr starke Einflüsse aus anderen Genres und ist deshalb experimenteller als die Vorgänger. Welche Musiker inspirieren euch?

D.G. / Bei mir ist es besonders Musik, die sehr technisch ist. Alles, was in Richtung EDM (Anm.: Electronic Dance Music) und Electro geht, sei es Depeche Mode, Skrillex oder Martin Garrix. Das ist sehr produzierte Musik, die mich stark inspiriert. Caro ist mehr auf Singer/Songwriter fokussiert und auch viele deutsche Artists und besonders der deutsche Hip Hop faszinieren uns. Alles, was wir musikalisch gut finden, schwingt natürlich auch in unserer Musik mit und zeichnet den Sound von Glasperlenspiel aus. Alles, was wir hören, empfinden und wahrnehmen findet den Weg in unsere Musik.

L.L. / Auf Licht & Schatten, so sagt ihr, klingt ihr zum ersten Mal so, wie ihr immer klingen wolltet. Wart ihr auf dem neuen Album freier? 

D.G. / Es ist paradox, aber mit zunehmendem Erfolg wird man bezüglich Entscheidungen immer entspannter. Wenn man einen gewissen Status hat, kann man die verschiedenen Stimmen leichter ausblenden. Wir wissen, unser Sound kommt gut bei den Fans an. Wir klingen so, wie wir klingen wollen und diesbezüglich lassen wir uns auch nicht mehr reinreden. Es ist aber auch nicht so, dass wir auf der neuen Platte komplett anders klingen. Ich würde eher sagen, es ist eine logische, musikalische und menschliche Weiterentwicklung. Licht & Schatten ist aber sicher das freieste Album, das wir jemals gemacht haben. Wir klingen wirklich so, wie wir klingen wollen. Das heißt aber nicht, dass wir bei den Platten davor nicht nach Glasperlenspiel geklungen haben, wir waren jedoch damals einfach noch nicht so frei und mutig. 

L.L. / Das Album ist sehr persönlich – und ihr seid nicht nur Bandkollegen, sondern auch abseits der Bühne ein Paar. Wie viele private Geschichten lasst ihr in eure Texte einfließen? 

D.G. / Songwriting ist auch ein Stück weit Therapie, in der wir viel Zwischenmenschliches verdauen und dabei gibt man natürlich immer einen Teil seiner Seele preis. Wir lassen uns generell von allem inspirieren und zu 90 Prozent sind es wirklich persönliche Geschichten. Es kann aber auch mal ein Satz auf einem Plakat sein oder eine Story, die man irgendwo gelesen oder im Freundeskreis gehört hat. Caro hat immer ein kleines Notizbüchlein dabei und schreibt sich dort Sätze und Ideen auf. Vieles davon fließt dann in unsere Songs ... 

©Marcus Haner
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L.L. / Auf Licht & Schatten geht es um Gegensätze – ohne die wir die vielen verschiedenen Facetten des Lebens gar nicht zu schätzen wissen würden. Gab es ein Erlebnis, bei dem dieses Yin-und-Yang-Prinzip besonders gut zugetroffen hat? 

D.G. / Da gibt es einige. 2011 kam unser Debütalbum raus und auf alles, was danach passierte, hat uns natürlich keiner vorbereitet. Plötzlich hast du ein großes Publikum und viele Leute mögen das, was du machst, andere finden es wiederum scheiße. Und du bekommst die komplette Breitseite ab. Das gehört dazu, und man weiß natürlich, dass in der Öffentlichkeit nicht jeder deine Songs gut findet. Es geht mir selbst ja auch so, mir gefällt auch nicht jede Musik. Aber es ist einfach was Anderes, wenn du selbst davon betroffen bist. Hier muss man erstmal seinen Weg finden. Und auch wenn medial immer alles ganz toll aussieht, gibt es Momente, da funktioniert alles nicht so, wie man es gerne hätte. Man bringt beispielsweise einen Song raus, der nicht so gut ankommt wie „Geiles Leben“. In diesen Situationen wird man wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht – was auch gut ist, man muss jedoch auch einen Weg finden, diese Ereignisse zu verarbeiten, zum Beispiel in Songs. Das gehört aber auch dazu und man lernt dadurch, dass man an manchen Stellen vielleicht anders ansetzen muss. Eventuell eröffnen sich so sogar neue Türen. Ich bin auch ein Mensch, der sich in diesen Situationen denkt: „Jetzt erst recht!“ Ich verkrieche mich nicht im Schneckenhaus.


„Das war sicher einer der witzigsten und untypischsten Gigs überhaupt!“


L.L. / Die erste Single des neuen Albums „Royals & Kings“ ist seit März 2018 draußen, dort heißt es: „Wir sind keine Royals oder Kings, doch dafür sind wir frei.“ Habt ihr das Gefühl, Materielles macht schnell abhängig? Was sind für euch die wesentlichen Dinge des Lebens? 

D.G. / Wir leben in einer Zeit, in der besonders Social Media vorpredigt, welche Dinge man besitzen muss, damit man in dieser Welt mitspielen kann. Es ist aber auch schwierig, sich dem zu entziehen und wir haben uns schon öfter selbst in diesen Situationen ertappt. Das ist aber auch nicht schlimm, denn es ist wichtig, sich auch mal etwas zu gönnen. Wenn man sich aber nur noch durch Materielles definiert, dann schlägt man eine Richtung ein, die meiner Ansicht nach nicht gesund ist. Das war auch die Idee zu Royals & Kings: Ja, man sollte sich etwas gönnen, aber das, was am Ende des Tages bleibt, sind die Menschen, die man liebt. Darauf kommt es an, und das ist wirklich wichtig. 

L.L. / Ihr seid schon zweimal in Garmisch-Partenkirchen aufgetreten: Im Fernsehgarten 2016 und am Neujahrstag 2016 im Olympia-Eisstadion. Welche Erinnerungen haben Sie an Garmisch-Partenkirchen? 

Ich bin leidenschaftlicher Skifahrer und mich hat das Skigebiet natürlich total begeistert. Ich versuche ja schon lange, Caro das Skifahren beizubringen, aber sie hat sich noch nicht so richtig damit angefreundet. Aber sie hat in Garmisch-Partenkirchen sogar schon einen Skikurs gemacht und deshalb haben wir sehr witzige Erinnerungen an den Ort. Okay, für Caro war es vielleicht nicht ganz so lustig (lacht).

In Garmisch-Partenkirchen haben wir uns damals bewusst dazu entschieden, noch ein paar Tage dranzuhängen. Das ist zwar nicht immer möglich, aber wir finden die Region super schön und machen uns dort gerne eine gute Zeit.

@Arton Sefa
@Arton Sefa

L.L. / Ihr habt damals im Eisstadion und direkt auf Eis gespielt. 

D.G. / Ja, das war total verrückt. Trotz Matten auf dem Eis war es unfassbar kalt und wir haben sicher doppelt so hart performt, damit die Kälte von unten nicht ganz so stark an uns herankriecht. Das war total abgefahren, weil wir ja wirklich in der Mitte der Halle spielten und das Publikum auf den Rängen komplett ringsherum saß. Die Zuschauer waren verhältnismäßig weit weg, doch es ging richtig ab. Wir haben vor dem Auftritt herumgewitzelt, dass wir währenddessen unbedingt mal über das Eis rutschen wollen (lacht). 

Wir haben in Garmisch-Partenkirchen ein komplettes Konzert gespielt und die Leute mit auf eine Reise genommen und ordentlich Party gemacht. Das war sicher einer der witzigsten und untypischsten Gigs überhaupt!

L.L. / Ihr seid viel auf Open-Air-Festivals unterwegs. Warum spielt ihr so gern in der Natur und unter freiem Himmel?

D.G. / Die Open-Airs sind immer unsere Jahreshighlights. Das bedeutet immer große Bühnen und viele Acts, von denen mittlerweile zahlreiche unsere Freunde sind – egal ob Max Giesinger oder Vincent Weiss. Diese Konzerte erinnern mich immer an ein Familientreffen, das Publikum ist gut drauf und die Atmosphäre ist einfach geil. Das ist ein bisschen wie mit Freunden draußen grillen, das macht einfach viel mehr Spaß als mit ihnen drinnen zu kochen (lacht).

Wordrap mit Daniel Grunenberg:

Studio oder Bühne?

Beides!

Das schönste Kompliment:

Du bist ein cooler Typ!

Wenn unser eigener Song im Radio läuft ...

drehen wir laut auf und freuen uns tierisch.

Bodensee oder Berlin?

Bodensee. Wir genießen dort die Ruhe sehr, gerade weil wir so viel unterwegs sind.

An Caro schätze ich ...

ihren Humor, ihre Freude und dass sie mich immer zum Lachen bringt.

Privat hören wir am liebsten:

Depeche Mode.

Angehenden Musikern raten wir ...

dranbleiben und den eigenen Stil zu finden.

Am Erfolg nervt ...,

dass man am Frühstücksbuffet auch mit Nutellabrötchen im Mund Selfies machen muss.